Perspektive

Metropolitan Opera am Abgrund: Wie der Kapitalismus die Kultur verachtet

Die Metropolitan Opera am Lincoln Center in New York City [AP Photo/Kathy Willens, File]

Die Metropolitan Opera (kurz: Met) – seit Generationen die Bühne, auf der die größten dramatischen Tragödien aufgeführt wurden – wird nun selbst Schauplatz einer solchen. Die größte Organisation für darstellende Künste in den Vereinigten Staaten steht am Rande des Abgrunds.

Die Ankündigung des New Yorker Opernhauses in dieser Woche, dass sie noch eine weitere Runde verheerender Kürzungen vornehmen werde, macht mit brutaler Klarheit deutlich, dass der amerikanische Kapitalismus selbst zur Erhaltung seiner renommiertesten kulturellen Einrichtungen nicht mehr in der Lage ist. Was sich an der Met abspielt, ist nicht nur eine finanzielle Krise, sondern eine Hinrichtung im Kulturbereich, die sich in Zeitlupe vollzieht. Und es ist eine vernichtende Anklage gegen ein System, das längst jeden Anspruch aufgegeben hat, die höheren Bestrebungen der menschlichen Zivilisation zu fördern.

Die Zahlen sprechen für sich. In nur drei Jahren ist der Haushalt der Theater-Gesellschaft um 120 Millionen Dollar geschrumpft, sodass nur noch 217,5 Millionen Dollar übrig sind – kaum zwei Drittel des jährlichen Betriebsbudgets von 330 Millionen Dollar. In der Verwaltung werden 22 Stellen gestrichen. Die Führungskräfte müssen Gehaltskürzungen zwischen 4 und 15 Prozent hinnehmen. In der Saison 2026/27 sollen nur noch lächerliche 17 Produktionen angeboten werden, gegenüber 25 vor der Pandemie.

Am deutlichsten wird die verheerende Lage jedoch in der Tatsache, dass die Met nun den Verkauf ihrer ikonischen Wandgemälde von Marc Chagall, „The Triumph of Music“ und „The Sources of Music“, in Erwägung zieht, die zur Eröffnung des Opernhauses im Lincoln Center im Jahr 1966 in Auftrag gegeben wurden und deren Wert auf 55 Millionen Dollar beziffert wird. Die Geschäftsführung ist sich akut darüber bewusst, dass der Verkauf dieser Meisterwerke einer Insolvenzerklärung gleichkäme, und besteht daher darauf, dass der Käufer sie im Grand Tier, dem Restaurant im Opernhaus, hängen lassen muss. Die Wandgemälde würden zwar bleiben, doch mit einer Plakette mit dem Namen ihres neuen Besitzers versehen – als ein groteskes Denkmal dafür, wie die Institution gedemütigt wurde.

Um zu begreifen, welch enormen Zusammenbruch die Ereignisse darstellen, muss man verstehen, was die Metropolitan Opera einst repräsentierte. Die 1883 gegründete Met wurde schnell zum führenden Opernhaus der westlichen Hemisphäre und zu einem der größten der Welt. Über ein Jahrhundert lang erwiesen praktisch alle Gesangslegenden ihrer Bühne die Ehre: Caruso, dessen goldener Tenor ihn in ganz Amerika bekannt machte; Maria Callas, die mit ihrem explosiven, dramatischen Sopran begeisterte und die das Opernschauspiel neu definierte; Kirsten Flagstad, Lauritz Melchior, Rosa Ponselle, Renata Tebaldi, Jussi Björling, Birgit Nilsson, Franco Corelli, Luciano Pavarotti, Placido Domingo, Jonas Kaufmann und viele andere. Die Liste liest sich wie ein Pantheon unsterblicher Stimmen.

Über Jahrzehnte brachte die Met durch ihre legendären Radiosendungen am Samstagnachmittag, beginnend im Jahr 1931, die Oper in Millionen amerikanischer Wohnzimmer. Diese wöchentlichen Übertragungen, die jahrelang von Texaco gesponsert wurden, brachten einem riesigen Publikum im ganzen Land eine Kunstform nahe, die sonst vielleicht ausschließlich den Reichen vorbehalten geblieben wäre. Familien versammelten sich um ihre Radios, um Live-Aufführungen von der Bühne der Met zu hören. Die Oper war keine elitäre Kuriosität, sondern ein wichtiger Teil des amerikanischen Kulturlebens. Die Namen Caruso und Callas waren nicht bloß einem kleinen Kreis von Kennern bekannt. Sie waren Berühmtheiten, deren Ruhm dem von Filmstars in nichts nachstand.

Unter der Leitung von Rudolf Bing, der die Theater-Gesellschaft von 1950 bis 1972 führte, erlangte die Metropolitan Opera eine historische Bedeutung, die über künstlerische Exzellenz hinausging. Zwar vermied Bing sorgfältig politische Stellungnahmen in der Öffentlichkeit, doch stellte er sich im Jahr 1955 der Rassentrennung in der Oper entgegen, indem er die großartige afroamerikanische Altistin Marian Anderson engagierte. Sechs Jahre später gab Leontyne Price, ebenfalls Afroamerikanerin, ihr Debüt in Verdis Il Trovatore. Das Publikum erhob sich in einem der berühmtesten Momente der Operngeschichte 42 Minuten lang zum stehenden Applaus. Price, Grace Bumbry, George Shirley, Shirley Verrett und andere große Sänger ihrer Generation fanden an der Met eine Bühne, die ihren außergewöhnlichen Talenten würdig war. So sehr es auch von wohlhabenden Gönnern abhängig war, diente das Opernhaus doch als Institution überragender Kunst, die etwas Universelles in der menschlichen Erfahrung ansprach.

1966 zog die Metropolitan Opera in ihr prächtiges neues Zuhause im Lincoln Center for the Performing Arts, einem Komplex, der als führender Veranstaltungsort des Landes für darstellende Künste konzipiert war. Die neue Met mit ihren hoch aufragenden Travertin-Bögen und Chagalls Wandgemälden sollte dem kulturellen Ehrgeiz Amerikas ein Denkmal setzen. Doch die Einweihung des neuen Opernhauses geschah zu einem Zeitpunkt, an dem sich der Wind für den amerikanischen Kapitalismus auf entscheidende Weise drehte. Wie sich bald herausstellte, war 1966 der Höhepunkt des amerikanischen Liberalismus.

Was ist seitdem geschehen? Die wachsende politische Reaktion, die die amerikanische Gesellschaft im letzten halben Jahrhundert erfasst hat, hat der Kultur verheerenden Schaden zugefügt. Der Angriff auf den Lebensstandard, die Zerstörung der öffentlichen Bildung, die unerbittliche Verrohung des öffentlichen Lebens – all das hat zu einer wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber der Kunst beigetragen. Die Oper, die einst einem breiten Publikum zugänglich war, wurde zur Domäne einer immer kleiner werdenden Schicht von Reichen. Die Ticketpreise an der Met stiegen auf schwindelerregende Höhen – 300, 400, 500 Dollar und mehr für ordentliche Plätze –, sodass sich normale New Yorker den Besuch nicht mehr leisten konnten. Die Kunstform, die einst über das Radio in Millionen von Haushalte gelangt war, zog sich zunehmend hinter die Mauern der Exklusivität zurück.

Doch selbst die Zuwendungen der Reichen haben sich als unzureichend erwiesen. Die Met war, wie viele Opernhäuser im Laufe der Geschichte, schon immer auf die Freigiebigkeit wohlhabender Spender angewiesen. Doch die amerikanische herrschende Klasse, die mit einem Reichtum ausgestattet ist, der alle historischen Maßstäbe sprengt, hat eine bodenlose Verachtung für den Erhalt des kulturellen Erbes der Menschheit an den Tag gelegt.

New York City – die Welthauptstadt des Finanzkapitalismus, Heimat der Wall-Street-Banken und Hedgefonds, die der Gesellschaft Billionen geraubt und ein fast unvorstellbares Maß an Ungleichheit geschaffen haben – ist offenbar nicht in der Lage, die Ressourcen für ein eigenes Opernhaus aufzubringen. Berlin unterhält drei Opernhäuser. Wien, Mailand, Paris, München und London unterstützen florierende Opernhäuser mit erheblichen öffentlichen Mitteln. Der Unterschied liegt nicht darin, dass dem amerikanischen Kapitalismus die Ressourcen fehlen. Vielmehr steht der amerikanische Kapitalismus schon seit geraumer Zeit – lange vor Trump – an der Spitze der globalen sozialen Konterrevolution.

Und nun ist die Met so tief gesunken, dass sie bei der blutverschmierten saudischen Monarchie um Almosen betteln geht. Der vor Monaten angekündigte Deal würde dazu führen, dass die Met-Produktionen acht Jahre lang jährlich nach Saudi-Arabien touren, um als Gegenleistung 200 Millionen Dollar zu erhalten. Man soll klar aussprechen, was das bedeutet: Die Metropolitan Opera, eine der traditionsreichsten Kulturinstitutionen der Welt, hat sich bereit erklärt, als Propagandainstrument für ein autoritäres Regime zu dienen, das den Journalisten Jamal Khashoggi auf dem Gewissen hat, der ermordet und zerstückelt wurde, das Zehntausende im Jemen hat verhungern und abschlachten lassen und das Frauen und Andersdenkende systematisch unterdrückt.

Der Intendant der Met, Peter Gelb, verteidigte diese schmutzige Vereinbarung gegenüber der New York Times mit atemberaubendem Zynismus: „Alle demokratischen Regierungen, die ich kenne, unterhalten Geschäftsbeziehungen zu Saudi-Arabien. Ich muss das Überleben der Met als Institution an erste Stelle setzen. ... Ich leite die Met nicht nach dem Maßstab meiner persönlichen Gefühlen zu jedem Thema.“ Das sagt derselbe Peter Gelb, der die Met praktisch in ein Propagandainstrument für den imperialistischen Stellvertreterkrieg in der Ukraine verwandelt hat, der die weltberühmte Sopranistin Anna Netrebko entlassen hat, weil sie zwar die Invasion der Ukraine verurteilte, sich aber weigerte, Putin namentlich anzuprangern – was nach dem Befinden Gelbs einfach inakzeptabel war. Gelbs „persönliche Gefühle“ stimmen ganz und gar mit den politischen Leitsätzen der dominierenden Teile der amerikanischen herrschenden Klasse überein. Geht es um Russland, ist er ein Moralist; geht es um Saudi-Arabien und dessen Geld, ist er pragmatisch. Diese Heuchelei ist widerlich.

Selbst dieser Pakt mit dem Teufel steht nun in Frage. „Ich verstehe, dass die Saudis aufgrund ihrer eigenen wirtschaftlichen Belange ihre Budgets neu ausrichten mussten“, gab Gelb gegenüber der Times zu. „Man hat mir versichert, dass es weitergehen wird. Aber wir warten nun schon seit einiger Zeit.“ So hat die Met ihre Würde verkauft und wird nun vielleicht nicht einmal Geld dafür sehen.

Das Opernhaus strebt auch den Verkauf seiner Namensrechte an und folgt damit dem erniedrigenden Beispiel seiner Nachbarn im Lincoln Center. Die Philharmonic Hall wurde zur Avery Fisher Hall und ist nun die Geffen Hall, nachdem der milliardenschweren Film- und Musikproduzent David Geffen 100 Millionen Dollar gespendet hatte. Das New York State Theater wurde in David H. Koch Theater umbenannt, zu Ehren des rechten Milliardärs, der mit seinem Vermögen dazu beitrug, den Abbau von Umweltschutzmaßnahmen und den Angriff auf die Rechte der Arbeiter zu finanzieren. Nun steht die weltberühmte Metropolitan Opera zum Verkauf, die einst gegen solche Demütigungen immun schien.

Die Krise an der Met erinnert an den Angriff auf das Detroit Institute of Arts im Zusammenhang mit der Insolvenz der Stadt in den Jahren 2013–2014, als der Zwangsverwalter Kevyn Orr versuchte, die 20 Milliarden Dollar teure Kunstsammlung des Museums schätzen zu lassen und möglicherweise zu verkaufen, um die Gläubiger zu bezahlen. Heute ist dieselbe Logik am Werk: Das kulturelle Erbe der Menschheit soll liquidiert werden, um die Forderungen des Kapitals zu befriedigen.

Dieser umfassendere Angriff auf die Kultur erstreckt sich nun bis in die höchsten Ebenen des amerikanischen Staates. Das Kennedy Center ist in Aufruhr, seit Trump im Februar 2025 zum Vorsitzenden seines Vorstands ernannt wurde. Künstler aller Genres – aus dem Broadway-Musical „Hamiltonüber die Martha Graham Dance Company bis hin zur Washington National Opera – haben ihre Auftritte abgesagt und sich geweigert, an einem Ort aufzutreten, der jetzt dazu dient, einen Möchtegern-Diktator zu verherrlichen. Der Smithsonian Institution hat die Trump-Regierung mit Kürzungen der Fördermittel gedroht, sollte sie sich nicht deren ideologischen Forderungen beugen. Der vorgeschlagene Haushalt sieht die vollständige Streichung der Fördermittel für Institutionen wie das Anacostia Community Museum und das National Museum of the American Latino vor.

Die Verteidigung der Kultur kann nicht der herrschenden Klasse anvertraut werden, die ihre völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Erhalt der künstlerischen Errungenschaften der Zivilisation unter Beweis gestellt hat. Sie kann auch nicht Verwaltern wie Gelb anvertraut werden, der auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie jährlich fast 1,4 Millionen Dollar einstrich, während Bühnenarbeiter und Chormitglieder ihre Arbeit verloren. Die Arbeiterklasse – die Erbin all dessen, was in der menschlichen Zivilisation fortschrittlich ist – ist die einzige gesellschaftliche Kraft, die in der Lage ist, das kulturelle Erbe der Menschheit zu verteidigen.

Die Achillesferse der amerikanischen Kunstinstitutionen war schon immer ihre Abhängigkeit von privaten Spendern, von den Launen der Reichen. Aber Kunst ist keine Gefälligkeit, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil der menschlichen Existenz. Die Gesellschaft muss die Ressourcen bereitstellen, die für ihr Gedeihen notwendig sind. Dass diese elementare Wahrheit überhaupt ein Gegenstand von Debatten ist, offenbart die Barbarei eines Systems, das jedes menschliche Bedürfnis der privaten Anhäufung von Reichtum unterordnet. Das Schicksal der Kunst ist untrennbar mit dem Kampf für den Sozialismus und die Neuordnung der gesellschaftlichen Ressourcen im Interesse der gesamten Menschheit verbunden.

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