Das Mainzer Biopharmaunternehmen BioNTech stellt die Corona-Impfstoffproduktion in Deutschland ein, schließt fast alle deutschen Produktionsstandorte und streicht 1860 Stellen. Die Standorte in Marburg, Idar-Oberstein und Singapur sowie die jüngst übernommenen CureVac-Werke in Tübingen und Wiesbaden sollen abgewickelt werden. Der Konzern, der mit Corona-Impfstoffen Milliarden verdient hat, will mit diesem Kahlschlag jährlich 500 Millionen Euro einsparen.
Das ist ein schwerer Schlag gegen die betroffenen Beschäftigten, die Bewundernswertes geleistet haben, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Die Pandemie ist zudem noch längst nicht überwunden. Im vergangenen Jahr registrierte das Robert Koch-Institut (RKI) in Deutschland fast 150.000 Infektionen und 2.551 gemeldete Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19. Das sind sieben Todesfälle pro Tag, wobei die Dunkelziffer wesentlich höher liegen dürfte, da kaum mehr auf Corona getestet wird.
Mit der Einstellung der Impfstoffproduktion wird auch die ohnehin niedrige Zahl von Impfungen weiter zurückgehen, die bisher die Folgen der Pandemie abgemildert haben. Unmittelbar nach Bekanntgabe von BioNTechs Abbauplänen hat zudem der Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff MV Hondius anschaulich vor Augen geführt, dass jederzeit eine neue, noch viel schlimmere Pandemie ausbrechen kann.
Die Zerstörung von umfangreichen Produktionskapazitäten für Impfstoffe ist unter diesen Umständen kriminell. Sie opfert die Gesundheit der Bevölkerung rücksichtslos den Profitinteressen der Pharmakonzerne.
Der BioNTech-Vorstand hat schon seit fast zwei Jahren, seit Ende 2024, durchsickern lassen, dass der Abbau von rund tausend Stellen geplant sei, darunter 300 IT-Stellen. Viele Beschäftigte, die die Möglichkeit dazu hatten, wechselten daraufhin in andere Unternehmen. Aber jetzt, da das Management zu Massenentlassungen und Standortschließungen übergeht, sind die Chancen für die Entlassenen, neue Arbeit zu finden, deutlich schlechter.
Die Entlassungen kommen in einer Situation, in der auch andere Chemiegiganten (BASF, Bayer, Evonik u.v.a.) auf die Energie- und Absatzkrise in der Folge des Irankriegs mit Massenentlassungen reagieren. Insgesamt sind in der Branche derzeit zwischen 40.000 und 50.000 Arbeitsplätze in Gefahr, und auch in der Industrie, bei den Banken und im IT-Bereich werden Stellen abgebaut.
Scheinheilig hat BioNTech den entlassenen Mitarbeitern angeboten, sie könnten sich ja auch in der Krebsforschung des Unternehmens neu bewerben. Der Konzern will sich ganz auf die Entwicklung von Krebsmedikamenten konzentrieren, was sowohl für das bisherige Zweigespann an der Spitze, Uğur Şahin und Özlem Türeci, als auch für das verbleibende Mainzer BioNTech-Management gilt. Şahin und Türeci wollen dafür ein eigenes neues Unternehmen gründen und geben ihre Führungsposition spätestens Ende des Jahres ab.
In der Krebsforschung und –Entwicklung herrscht ein enormer Arbeitsdruck. In Mainz wechseln sich die Beschäftigten in Sieben-Tage-Schichten rund um die Uhr ab, auch am Sonntag, um die neuen Krebsmedikamente bis zur Zulassungsreife voranzutreiben. Es ist nicht geplant, viele neue Leute einzustellen, sondern das erklärte Ziel sind Sparmaßnahmen: Der Konzern will jährlich eine halbe Milliarde Euro einsparen.
In der Corona-Pandemie hat BioNTech enorm profitiert, und zwar von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen, die allgemein zugänglich und bewusst nicht auf Profit angelegt waren. Das Startup schloss sich mit dem US-Pharmagiganten Pfizer zusammen, um den Corona-Impfstoff, der als erster eine Zulassung erhielt, weltweit zu vermarkten. Wie die WSWS schrieb: „Die mRNA-Technologie, auf der der BioNTech/Pfizer-Impfstoff basiert, wurde an öffentlich finanzierten Universitäten entwickelt. Private Firmen zeigten erst Interesse, als riesige Gewinne winkten. Und selbst dann wurden sie in der Regel mit öffentlichen Mitteln unterstützt und abgesichert.“
Die gesamte Impfstoffentwicklung war nur möglich, weil herausragende Forscher und Entdecker wie Professor Zhang Yongzhen in Shanghai das Genom des Virus sequenzierten und kostenlos, auf Open-Source-Plattformen, zur Verfügung stellten. Erst solche Taten ermöglichten es BioNTech/Pfizer, Moderna und anderen Pharmakonzernen, ihre Impfstoffe rasch zu entwickeln.
Als sich die Corona-Pandemie im Jahr 2020 ausbreitete, stellten die Regierungen der EU, Großbritanniens und der USA großzügige Finanzmittel für die Forschung bereit: Im Fall BioNTech/Pfizer waren dies ein Entwicklungsdarlehen von 100 Millionen Euro der Europäischen Entwicklungsbank und ein Zuschuss der Bundesregierung in Höhe von 365 Millionen Euro, daneben Vorauszahlungen der US-Regierung, die faktisch zinslose Darlehen waren.
Der Aktienkurs von BioNTech schoss in die Höhe, von 13 Euro im Oktober 2019 auf 150 Euro 2021. Auf dieser Grundlage erwirtschaftete der Pharmakonzern Milliardengewinne. Laut dem Handelsblatt spielte der Verkauf des Corona-Impfstoffs BioNTech zu Hochzeiten knapp 19 Milliarden Euro in die Kassen, von denen auch heute noch ein Vermögen des Konzerns über 15 bis 16 Milliarden Euro vorhanden ist.
Die Politiker, vor allem die damalige deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU), hielten ihre schützende Hand über den privaten Konzern. Als 2021 mehr als 100 WTO-Mitgliedsländer unter Führung von Indien und Südafrika eine Aussetzung des Patentschutzes forderten, um den armen Ländern die rasche Entwicklung von Impfstoff zu ermöglichen, stellte die Merkel-Regierung sich mit voller Kraft gegen die Patentaussetzung. Angela Merkel persönlich soll bei Uğur Şahin angerufen haben, um ihn diesbezüglich zu beruhigen.
Eine Folge des rigiden Patentschutzes war unter anderem, dass in Afrika kaum 2 Prozent der Bevölkerung geimpft werden konnten, mit tödlichen Konsequenzen, die jedoch nur wenig bekannt geworden sind. Verschleiert von der Tatsache, dass die katastrophal schlechten Meldesysteme die Corona-Todeszahlen in großen afrikanischen Regionen schlicht ignorierten, wurden beispielsweise in Sambia nur zehn Prozent der COVID-Toten mit positivem PCR-Test auch tatsächlich als Corona-Todesfälle registriert. Gleichzeitig konnten in diesen Regionen neue Varianten wie das Omikron entstehen und sich rasch auf der ganzen Welt ausbreiten.
An jedem Punkt und in jeder Frage wurde und wird die kapitalistische Profitlogik über die öffentliche Gesundheit und das öffentliche Wohl gestellt. Erbitterte Patentklagen zwischen den konkurrierenden Pharmaunternehmen führen dazu, dass wissenschaftliche Entdeckungen und Forschungsergebnisse mit immensem Potenzial zum Zankapfel konkurrierender Kapitalinteressen werden. Öffentlich erforschtes Wissen, das allen gehört, wird privatisiert, die Risiken sozialisiert und dem Steuerzahler angelastet, die Gewinne jedoch vollständig privat angeeignet.
Und jetzt werden erneut fast zweitausend Beschäftigte ohne Perspektive in die Arbeitslosigkeit entlassen, und ihre verbleibenden Kolleginnen und Kollegen müssen Überstunden leisten, während die Aktionäre die eigenen Profite absichern.
Dies wird sich erst ändern, wenn die Pharmaunternehmen entschädigungslos enteignet und in demokratisch kontrollierte, öffentliche Betriebe verwandelt werden, die nicht gegeneinander konkurrieren, sondern sich weltweit vernetzen, ihre Forschungsergebnisse teilen und mit den Universitäten zusammenarbeiten, um der Gesundheit und dem Wohlergehen der Menschen, nicht dem privaten Profit, zu dienen.
Dies ist nur auf der Grundlage eines sozialistischen Programms, verwirklicht durch die internationale Arbeiterklasse möglich, die als einzige die Macht hat, den Kapitalismus abzuschaffen. Deshalb schlagen wir den BioNTech-Kolleginnen und -Kollegen vor, unabhängige Aktionskomitees aufzubauen!
Von Seiten der IG BCE und des Betriebsrats ist keine wirksame Gegenwehr gegen die Entlassungen zu erwarten. Die Gewerkschaft ist ein Instrument des Konzerns, sie ist dem Betriebsfrieden und seiner Prosperität verpflichtet. Die IG BCE, mit 550.000 Mitgliedern drittgrößte Gewerkschaft im DGB, gilt auch als seine wirtschaftsfreundlichste Gewerkschaft. Ihren letzten Branchenstreik hat sie im Jahr 1971 organisiert: vor über 55 Jahren! Seither gibt es nur symbolische Warnstreiks, um „Dampf abzulassen“.
Die IG BCE hat zuletzt im April 2026 bei der Tarifeinigung unter Beweis gestellt, auf welcher Seite sie steht: Wie schon vor vier Jahren hat sie einen Tarifabschluss unterzeichnet, der einer Reallohnsenkung gleichkommt. Er beginnt mit einer neunmonatigen Nullrunde, gefolgt von Lohnerhöhungen weit unter der Inflationsrate und einer 27-monatigen Friedenspflicht.
„Mit diesem Tarifergebnis gehen die Beschäftigten in Vorleistung“, sagte dazu IG BCE-Chef Michael Vassiliadis, der selbst im Aufsichtsrat von fünf großen Chemie- und Energiekonzernen sitzt. Nun müssten auch „die Arbeitgeber liefern“. Was für ein Betrug!
Die Art und Weise, wie die Chemie- und Pharmaunternehmen, bzw. ihre Manager „liefern“, hat der BioNTech-Konzern jetzt mit der Ankündigung neuer Massenentlassungen und Standortschließungen deutlich gezeigt.
