Großbritannien will europäische „Northern Navies“-Streitmacht gegen Russland anführen

Am 29. April kündigte der britische Erste Seelord, Sir Gwyn Jenkins, an, dass die britische Royal Navy den Kern eines neuen multinationalen maritimen Blocks europäischer „Northern Navies“ bilden soll, der sich gegen Russland richtet. Bezeichnenderweise gehören die USA diesem Block nicht an.

Er sprach darüber am Royal United Services Institute (RUSI) im Rahmen des einleitenden Lord-Fisher-Vortrags, benannt nach Admiral Fisher, der eine entscheidende Rolle im britisch-deutschen Marinewettrüsten vor dem Ersten Weltkrieg spielte. Er erklärte, um das zu ermöglichen, werde Großbritannien eine „hybride“ Flotte aufbauen, die traditionelle Kriegsschiffe mit unbemannten Systemen, Drohnen und KI-gestützten Plattformen kombiniere.

Der Erste Seelord Gwyn Jenkins (zweiter von links) bei Gesprächen mit Oberbefehlshabern der Marine der Joint Expeditionary Force in Whitehall am 23. April 2026 [Photo: Royal Navy/X]

Bei diesem „Paradigmenwechsel“ gehe es darum, die „Masse, Überlebensfähigkeit und Letalität unserer Streitkräfte“ zu erhöhen.

Die Northern Navies würde im Mittelpunkt der Joint Expeditionary Force stehen, ein von Großbritannien angeführter Verband aus zehn europäischen Staaten. Sie wurde im Jahr 2014 gegründet und zu ihr gehören Großbritannien, Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland, Island, die Niederlande, Estland, Lettland und Litauen.

Diese Länder erstrecken sich über Nordeuropa und das Baltikum – die Regionen, die Jenkins als „offene Seegrenze zu Russland“ definierte. Auch Kanada hat Interesse an einer Teilnahme geäußert.

Jenkins verwies auf den Krieg in der Ukraine und den amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran und warnte: „Das bloße Aufrechterhalten des ‚leistungsfähigen Status quo‘ ist schlichtweg nicht gut genug.“ Die Times, das Sprachrohr der kriegslüsternsten Elemente des Militärs, zitierte Jenkins mit den Worten: „Die Notwendigkeit aufzurüsten und die Kriegsbereitschaft dieses Landes zu verbessern, ist zur absoluten Notwendigkeit geworden. ... Wir befinden uns an einem Wendepunkt.“

Zuvor wurden die Labour-Regierung von Premierminister Keir Starmer und führende Militärs wegen der Kürzungen bei der Marine in den letzten drei Jahrzehnten und wegen der Tatsache scharf zurechtgewiesen, dass Großbritannien während der Irankrise nur einen einzigen Zerstörer mobilisieren konnte. Dieser wurde zudem nicht in den Persischen Golf geschickt, sondern zum britischen Stützpunkt in Akrotiri.

Jenkins räumte ein: „Ich weiß, dass die jüngsten Entwicklungen im Golf die Royal Navy ins Rampenlicht gerückt haben. Waren wir ausreichend vorbereitet? Können wir heute kämpfen, und wenn ja, womit? Ich bin nicht hier, um diesen Fragen auszuweichen. Ich bin hier, um Ihnen zu zeigen, dass wir einen Plan haben.“

Dies war eine starke Korrektur seiner Äußerungen gegenüber der schwedischen Zeitung Svenska Dagbladet am vorherigen Tag. Dort hatte er eingeräumt, dass die Marine erst „gegen Ende des Jahrzehnts vollständig kriegsbereit“ sein würde, als Antwort auf die Frage: „Aber sind wir so bereit, wie wir es sein sollten? Das glaube ich nicht. Wir haben noch Arbeit vor uns.“

Da sich die Starmer-Regierung noch immer nicht verpflichtet hat, ihre vor einem Jahr veröffentlichte und auf zehn Jahre ausgelegte Strategic Defence Review zu finanzieren, musste Jenkins beim RUSI zugeben: „Es gibt kein Szenario, in dem wir unbegrenzte Mittel zur Verfügung haben werden.“

Angesichts der finanziellen Einschränkungen sei er „entschlossen, die Kosten pro Einheit und die Produktionskosten zu senken, um die Größenordnung zu erreichen, die wir brauchen.“ Er wies darauf hin, dass Drohnen im Ukrainekrieg „für 90 Prozent der verursachten Verluste“ verantwortlich waren, und fügte hinzu, es sei notwendig, neue Technologie einzuführen und „mit der Mentalität Schluss zu machen, dass wir immer teurere und größere Plattformen brauchen.“

Der Plan für eine „hybride Marine“ basiert auf drei zentralen operativen Programmen im Nordatlantik und im Hohen Norden.

Atlantic Bastion soll ein mehrschichtiges Sensornetzwerk aus Drohnen, Unterwasserfahrzeugen und Überwachungssystemen bilden, um feindliche Aktivitäten zu entdecken und zu überwachen. Dies richtet sich gegen russische U-Boote. Die Daten würden laut Jenkins in Echtzeit übermittelt, was einen schnellen Einsatz von Offensivkapazitäten ermöglichen würde.

Atlantic Shield würde sich auf eine integrierte Luft- und Raketenabwehr gegen Drohnen, Überschallwaffen und ballistische Bedrohungen konzentrieren.

Die letzte Komponente, Atlantic Strike, soll die Fähigkeit zu Langstreckenangriffen stärken, darunter hybride Flugzeugträger-Kampfgruppen, die sowohl bemannte Flugzeuge als auch Drohnen mit Strahltriebwerk einsetzen.

Jenkins erklärte, dass unbemannte Systeme ab dem Jahr 2026 Patrouillen im Nordatlantik aufnehmen würden. Unbemannte Begleitschiffe sollen binnen zwei Jahren an der Seite von Schiffen der Royal Navy operieren. Drohnen mit Strahltriebwerken sollen schon nächstes Jahr von Flugzeugträgern aus operieren.

Er wies auf eine aktuelle Militärübung der Marine bei Southwick Park an der englischen Südküste hin und erklärte: „Unsere hybride Marine hat zu einer beträchtlichen Erhöhung der Kampfmasse, gemessen an Waffen und Sensoren, geführt und den Kommandanten zusätzliche Flexibilität und taktische Wahlmöglichkeiten verschafft. Unsere Raketenkapazitäten haben sich verdreifacht – auf das Niveau, das notwendig ist, um einen Kampf im Nordatlantik zu gewinnen.“

Ein wesentliches Element bei den Planungen der Royal Navy ist die bessere Einbindung ihrer Hilfsflotte in Militäroperationen. Jenkins erklärte: „Als Reaktion auf die Ereignisse im Nahen Osten haben wir mehrere Wochen damit verbracht, das Docklandungsschiff RFA [Royal Fleet Auxiliary] Lyme Bay zu einem Mutterschiff für autonome und unbemannte Minenräumfähigkeiten umzubauen.“

Jenkins erklärte, der Northern-Navies-Block würde „gemeinsam ausbilden, üben und sich vorbereiten“ und sei „darauf ausgelegt, im Bedarfsfall sofort mit echten Kapazitäten, echten Kriegsplänen und echter Vernetzung zu kämpfen.“

Die Befehlsstruktur soll in Großbritannien angesiedelt sein und vom britischen Maritime Operations Centre im Londoner Stadtteil Northwood aus gesteuert werden. Damit stünde Großbritannien faktisch an der Spitze eines neuen, von den USA unabhängigen europäischen Marineverbands.

Jenkins erklärte zwar, die Northern Navies würden „die NATO ergänzen, statt ihr Mittel zu entziehen“, doch diese Entscheidung stellt ein Abrücken vom US-dominierten NATO-Rahmen dar – ein Zeichen für die zunehmenden Spannungen zwischen dem Weißen Haus und Europa.

Die JEF hat bisher in enger Abstimmung mit den US-Streitkräften operiert, darunter gemeinsame Militärmanöver wie BALTOPS in der Ostsee, Exercise Arrow und Lightning Strike in Finnland und diverse Luftverteidigungsübungen. Dazu gehörte Operation Global Guardian im Februar 2024, die mit der NATO-Übung Steadfast Defender koordiniert wurde.

Bei Letzterer arbeitete die JEF in „Abstimmung mit dem Combined Air Operations Centre (CAOC) der NATO im deutschen Uedem mit strategischen Langstreckenbombern der United States Air Force (USAF) zusammen, die zu ihrem Heimatstützpunkt in den USA zurückkehrten, um das Abfangen von feindlichen Flugzeugen zu simulieren“, wie es in einer Pressemitteilung des Allied Air Command auf der NATO-Website hieß.

Angesichts einer so engen bisherigen Zusammenarbeit ist die Tatsache, dass Jenkins die USA in seiner Grundsatzrede nicht einmal erwähnte, umso bemerkenswerter.

Großbritannien und seine Partner in der JEF reagieren auf Trumps Drohung, die NATO-Verpflichtungen der USA herabzustufen oder gänzlich aufzugeben. Zuvor hatte Trump die führenden europäischen Mächte als „unzuverlässig“ gebrandmarkt, weil sie sich geweigert hatten, den US-Angriff auf den Iran mit ihren eigenen Streitkräften zu unterstützen.

Bei seinen wiederholten Verurteilungen der Starmer-Regierung fasste Trump die Haltung Großbritanniens mit den Worten zusammen: „Wir wollen uns erst beteiligen, wenn der Krieg vorbei ist“, und verspottete die beiden Flugzeugträger der Royal Navy als „Spielzeuge im Vergleich zu dem, was wir haben.“

Trump erklärte im März gegenüber dem Daily Telegraph: „Ihr [Großbritannien] habt nicht mal eine Marine. Ihr seid zu alt und habt Flugzeugträger, die nicht funktionieren.“

Im gleichen Interview erklärte er – kaum drei Monate vor dem nächsten NATO-Gipfel im Juli – auf die Frage der Zeitung, ob er die NATO-Mitgliedschaft der USA überdenken wolle: „Oh ja, ich würde sagen, sie ist nicht mehr zu überdenken. Ich habe nie viel von der Nato gehalten. Ich wusste schon immer, dass sie ein Papiertiger ist, und Putin weiß das übrigens auch.“

Angesichts von Trumps Drohungen, Tausende von NATO-Truppen aus Europa abzuziehen, ist die Northern-Navies-Initiative ein erster Versuch, einen militärischen Rahmen zu schaffen, der ohne die zunehmend feindselige USA operieren und den Konflikt mit Russland eigenständig fortsetzen kann.

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