Die beiden Erdbeben, die Venezuela am 24. Juni erschüttert haben, legen ein massives Verbrechen des US-Imperialismus offen. Vor sechs Monaten marschierten die Vereinigten Staaten in das Land ein, entführten dessen Präsidenten Nicolás Maduro und machten die Regierung zur Marionette Washingtons, um sich das Öl des Landes anzueignen. Da die US-Regierung Venezuela besetzt und sich selbst zur „Politik-lenkenden“ Macht erklärt hat, trägt sie die direkte Verantwortung für die Katastrophe – auch für die kriminelle Weigerung, darauf angemessen zu reagieren.
Die Invasion, die Absetzung Maduros und das Chaos und die Desorganisation, in die das Land dadurch gestürzt wurde, sind ein wesentlicher Faktor für die katastrophale Reaktion auf das Erdbeben. Hinzu kommt seit vielen Jahren die wirtschaftliche Sabotage, die die Krankenhäuser, das Stromnetz und die Fähigkeit des Landes, grundlegende Versorgungsgüter zu importieren, schon zuvor lahmgelegt hatte.
Die Trump-Regierung nutzt nun die Katastrophe aus, um ihre Kontrolle über Venezuela zu verstärken. Während die Familien Venezuelas Trümmer und Beton mit bloßen Händen aufgraben, hat Trump Kriegsschiffe, Transportflugzeuge und Truppen entsandt, um den Flughafen zu übernehmen.
Bis zum Sonntag wurden schon 1.430 Todesopfer bestätigt, und das humanitäre Büro der Vereinten Nationen verwies auf unbestätigte Berichte, wonach bis zu 50.000 Menschen noch vermisst würden. Eine von El País veröffentlichte Analyse von Satellitenbildern ergab, dass die Zerstörung genau der Linie der San-Sebastián-Verwerfung folgt – von Catia La Mar über La Guaira und den internationalen Flughafen bis nach Caraballeda – einem dicht besiedelten Küstenkorridor. Jahrzehntelange Warnungen vor der Gefahr katastrophaler Erdbeben und der Notwendigkeit, Gebäude nach modernen bautechnischen Standards umzubauen oder zu verstärken, blieben völlig unbeachtet.
Auch noch am vierten Tag nach dem Erdbeben graben sich Familien mit Macheten, Brecheisen, hydraulischen Wagenhebern und bloßen Händen durch den zertrümmerten Stahlbeton. Rettungskräfte berichten, dass man Kinder unter den Trümmern weinen hören konnte – bis die Geräusche verstummten, und dass der unerträgliche Leichengeruch allgegenwärtig sei.
In den Krankenhäusern treffen überlebende Kinder ein, völlig allein und nur durch ein Band ums Handgelenk mit ihren Namen identifiziert, während die Krankenhäuser und Leichenhallen sich mit Opfern füllen.
„Es sind keine schweren Maschinen angekommen, gar nichts“, sagte ein Bewohner von Catia La Mar am Freitag. „Wir haben weder Strom noch Wasser. Die Bewohner der Wohnblocks bitten inständig um Evakuierung, weil die Schäden so schwerwiegend sind.“ Eine Frau, die in Caracas alles verloren hat, sagte Reportern: „Niemand ist gekommen, um uns etwas über Notunterkünfte zu sagen. Hier hängt alles von der Nachbarschaft ab.“
Die Tausenden Toten sind nicht allein Opfer einer Naturkatastrophe. Der desolate Zustand der Wohngebäude, der Bankrott des Gesundheitssystems und die staatliche Unfähigkeit, sinnvolle Notfallmaßnahmen zu organisieren, sind das Ergebnis der langjährigen Unterdrückung Venezuelas durch den US-Imperialismus seit der Venezuela-Krise von 1902–1903.
In jener Krise bombardierte eine Flotte deutscher, britischer und italienischer Kriegsschiffe venezolanische Häfen wegen unbezahlter Rechnungen. Präsident Theodore Roosevelt griff nicht ein, um die venezolanische Souveränität zu verteidigen, sondern um zu bekräftigen, dass die Vereinigten Staaten jede lateinamerikanische Nation „disziplinieren“ würden, sollte dies nötig sein. Der Konflikt führte zum Roosevelt-Zusatz zur Monroe-Doktrin, der Washington das ausschließliche Recht einräumte, „internationale Polizeigewalt“ in der westlichen Hemisphäre auszuüben.
Washington wandte diese Doktrin umgehend in Venezuela an und inszenierte 1908 einen Regimewechsel, durch den der Diktator Juan Vicente Gómez an die Macht kam. Dieser herrschte bis 1935 mit Folter, Zwangsarbeit und Massenhinrichtungen und vergab gleichzeitig riesige Ölkonzessionen an die Standard Oil der Rockefellers und andere US-Konzerne, wodurch Venezuela zum größten Ölexporteur der Welt wurde.
Washington unterstützte anschließend eine weitere brutale Diktatur unter Marcos Pérez Jiménez, dessen Geheimpolizei durch Attentate, Verschwindenlassen und Konzentrationslager ein Terrorregime errichtete. Für seine Verdienste bei der Unterdrückung der Massen verlieh Präsident Eisenhower Pérez Jiménez die „Legion of Merit“.
Die Verstaatlichung der Ölindustrie im Jahr 1976 änderte nichts Grundlegendes. Die gleichen Strukturen, die gleichen Tochtergesellschaften US-amerikanischer Konzerne und die gleiche Abhängigkeit von einem einzigen Rohstoff blieben bestehen. Als die Ölpreise Ende der 1980er Jahre einbrachen, verhängte Präsident Carlos Andrés Pérez eine vom IWF diktierte Schocktherapie, was den Caracazo-Aufstand auslöste. Das Kriegsrecht wurde verhängt, und der Aufstand wurde unter der summarischen Hinrichtung von Demonstrierenden auf den Straßen niedergeschlagen.
Die Wahl von Hugo Chávez im Jahr 1998 provozierte seitens Washingtons wachsende Feindseligkeit. Diese gipfelte im April 2002 in einem von den USA unterstützten Putsch, durch den Chávez kurzzeitig abgesetzt wurde, ehe Massenproteste seine Wiedereinsetzung erzwangen. Als nach seinem Tod Nicolás Maduro auf Chávez folgte, erklärte die Obama-Regierung Venezuela zu einer „Bedrohung der nationalen Sicherheit“ und verhängte harte Sanktionen.
Der Wirtschaftskrieg der USA eskalierte unter der ersten Trump-Regierung unaufhaltsam, und auch Biden setzte ihn fort, wodurch Venezuelas Fähigkeit, Maschinen, Ersatzteile, Medikamente, Lebensmittel und Baumaterialien zu importieren, mit Vorsatz erstickt wurde. UN-Sonderberichterstatter kamen zum Schluss, dass das Sanktionsregime massives Leid verursachte und zu über 100.000 zusätzlichen Todesfällen beitrug.
All dies gipfelte in den Ereignissen vom 3. Januar 2026, als die Trump-Regierung Spezialeinheiten entsandte, um Präsident Maduro zu entführen – praktisch ein nicht provozierter Angriffskrieg, um die Kontrolle über Öl und wichtige Mineralien zu erlangen.
In den sechs Monaten seither wurde Venezuela unter dem sogenannten „Trump-Zusatz“ zur Monroe-Doktrin in ein halbkoloniales Protektorat verwandelt. Gesetze, die die chavistische Nationalversammlung verabschiedete, haben die weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven und bedeutende Goldvorkommen an Washington und seine Geschäftspartner ausgeliefert. Finanzminister Scott Bessent erklärte öffentlich: „Die Vereinigten Staaten bestimmen derzeit die Politik in Venezuela.“
Der Einsturz Dutzender Gebäude am 24. Juni und die völlig unzureichenden Reaktion der Rettungskräfte lassen sich nur mit Blick auf dieses ganze Jahrhundert halbkolonialer Unterdrückung erklären.
Während selbstlose Rettungsteams aus den USA und anderen Ländern alles in ihrer Macht Stehende tun, um Leben zu retten, hat Washington in erster Linie eine militärische Invasionsstreitmacht entsandt. Zwei US-Kriegsschiffe – die USS Fort Lauderdale und die USS Billings – sind in venezolanischen Gewässern stationiert. Fünf C-17-Globemaster-Transportflugzeuge bringen ein Einsatzteam nach Venezuela, um den Simón-Bolívar-Flughafen zu übernehmen. MV-22 Ospreys, UH-1Y Super-Huey-Hubschrauber und CH-47 Chinooks der Armee, die auf Curaçao stationiert sind, vervollständigen das Bild.
Diese militärische Präsenz steht in vollem Einklang mit den Operationen, die Washington und die amtierende Regierungschefin, die US-Marionette Delcy Rodríguez, schon gemeinsam im Landesinneren Venezuelas durchgeführt haben. US-amerikanische und venezolanische Streitkräfte haben die Gold- und Coltan-Abbaugebiete des Orinoco-Bogens bombardiert und durchkämmt, um informelle Bergarbeiter zu vertreiben und die Kontrolle der transnationalen Bergbaukonzerne zu sichern. Zu diesen Operationen zählt auch die außergerichtliche Tötung von Héctor Guerrero Flores, des mutmaßlichen Anführers des „Tren de Aragua“.
Am späten Donnerstag traf Generalmajor Kevin J. Jarrard vom US-Marinekorps in Caracas ein, um die Operationen des SOUTHCOM zu leiten. Er agiert de facto als Kolonialverwalter. Rodríguez ernannte ihrerseits Generalmajor Juan Ernesto Sulbarán Quintero von der Bolivarischen Nationalgarde zum alleinigen Notfallbeauftragten. Das Katastrophengebiet, das den Großraum Caracas und die umliegenden Gebiete umfasst, steht seit sechs Monaten, seit der US-Invasion, unter militärischem Kommando.
Die Parallele zum Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 ist erschreckend. Damals nutzte Washington ein katastrophales Erdbeben aus, um 20.000 Soldaten zu entsenden, die Kontrolle über den Flughafen von Port-au-Prince zu übernehmen und einem Land, das es ein Jahrhundert lang beherrscht hatte, eine direkte Militärverwaltung aufzuzwingen. Hilfsflugzeuge von „Médecins Sans Frontières“ mit dringend benötigter medizinischer Ausrüstung wurden vom US-kontrollierten Flughafen abgewiesen, während Patienten starben. Die Mission war keine Rettungsaktion. Es war eine Besatzung.
Der Politologe Ricardo Rios von der Beratungsfirma „Poder & Estrategia“ in Caracas hat ausgesprochen, was bürgerliche Kommentatoren selten so unverblümt zugeben: Das Erdbeben „wird sehr gut ausgenutzt werden, um die Präsenz der Vereinigten Staaten und ihre Kontrolle über Venezuela zu verstärken. Und auch, damit Rodríguez sich auf die Vereinigten Staaten als ihren wichtigsten Verbündeten stützen kann.“
Trump selbst lieferte die aufschlussreichste Äußerung kolonialer Arroganz. In einer Rede nach dem Erdbeben erklärte der Möchtegern-Führer der USA: „Venezuela war fantastisch, wir haben ein großartiges Verhältnis. Es war ein eintägiger Krieg, wir haben sie so hart getroffen, und jetzt haben wir Millionen Barrel Öl gefördert und den Krieg um ein Vielfaches bezahlt (…) Es ist wieder ein glückliches Land. Die Menschen sind glücklich. Sie tanzen auf den Straßen.“
Vor der US-Invasion war Venezuelas Wirtschaft innerhalb eines Jahrzehnts um rund 80 Prozent geschrumpft, was mehr als 8 Millionen Menschen zur Flucht aus dem Land veranlasst hatte.
Das Sanktionsregime, das sowohl unter demokratischen als auch unter republikanischen US-Regierungen aufrechterhalten wurde, hat durch gezielte wirtschaftliche Erdrosselung weitaus mehr Venezolaner das Leben gekostet und den Boden für die Katastrophe nach den Erdbeben vom Mittwoch bereitet.
Gleichzeitig sind die Toten von La Guaira und Caracas auch Opfer des historischen Bankrotts des bürgerlichen Nationalismus und seiner „bolivarischen“ Variante. Seit fast dreißig Jahren herrschen die chavistischen Regierungen von Hugo Chávez, Nicolás Maduro und nun Rodríguez, und sie erlebten einen der größten Anstiege der Öleinnahmen in der Geschichte.
Sie verkündeten eine „bolivarische Revolution“ und den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Doch die Wohnblocks aus Beton und Lehm, die am Mittwochabend in sich zusammenstürzten – viele davon wurden nach der Vargas-Katastrophe von 1999 ohne erdbebensichere Bauweise wiederaufgebaut –, stehen als Mahnmal dafür, was dieser „Sozialismus“ tatsächlich gebracht hat. Eine Regierung, die das menschliche Leben wirklich an erste Stelle setzen würde, hätte die Jahre des Ölreichtums genutzt, um den Wohnungsbestand des Landes systematisch nach modernen Erdbebensicherheitsstandards zu sanieren und zu erneuern, das Krankenhaussystem zu stärken und einen wirklichen Katastrophenschutz zu entwickeln. Schließlich hatten die Wissenschaftler die Katastrophe ausdrücklich vorhergesagt.
Die sozialen Bedingungen, die aus einem Erdbeben ein gewaltiges Massengrab gemacht haben, sind aus einem Jahrhundert imperialistischer Ausbeutung, jahrzehntelangen Sanktionen und korruptem bürgerlichen Nationalismus hervorgegangen. Die Arbeiterklasse wurde den Bedürfnissen der Wall Street untergeordnet. Die Toten Venezuelas sind Opfer eines Klassenverbrechens.
Die Regierungen, die nun Rettungsteams nach Venezuela entsenden, haben tatenlos zugesehen oder sich direkt an den Bemühungen der USA beteiligt, das Land durch Massenhunger, Krankheit und Leid zu unterwerfen.
Rosa Luxemburg brachte 1902 in einem Text über den Ausbruch des Mont Pelée, der auf Martinique 40.000 Menschenleben gefordert hatte, das Wesen eines solchen Moments treffend zum Ausdruck. Die imperialistischen Mächte, die den Überlebenden eilig Hilfe anbieten, nachdem sie durch jahrzehntelange Unterdrückung weitaus mehr Tod verursacht haben, bezeichnete sie als „weinende Raubtiere“ und „Bestien im Samariterkleid“.
Luxemburg schloss ihren Aufsatz mit einer Vision der bevorstehenden Abrechnung: einem „Vulkan“ der sozialen Revolution, der die unterdrückerische Gesellschaftsordnung hinwegfegen wird, woraufhin die Menschheit endlich ihrem einzigen wahren und endgültigen Feind gegenüberstehen wird: der „blinden, toten Natur“. Erdbeben und andere Naturphänomene suchen sich ihre Opfer nicht aus. Aber die auf kapitalistischem Profit und imperialistischer Herrschaft basierende Gesellschaftsordnung bestimmt, wer sterben muss.
Die Arbeiterklasse in Venezuela und auf der ganzen Welt muss die Dinge selbst in die Hand nehmen und unabhängige Hilfskomitees organisieren, um die Ressourcen zu mobilisieren, die für wirksame Rettungs- und humanitäre Hilfsmaßnahmen notwendig sind. Gleichzeitig muss sie die Enteignung aller unrechtmäßig erworbenen Gewinne US-amerikanischer Konzerne aus der historischen Ausbeutung Venezuelas und Lateinamerikas fordern, um den Wiederaufbau auf der Grundlage sozialer Gleichheit zu ermöglichen.
