Am 10. August schickte Senator Bernie Sanders einen Brief an Sam Altman von OpenAI, Dario Amodei von Anthropic und Mark Zuckerberg von Meta. Darin forderte er, sie sollten „die KI-Entwicklung pausieren“ und „aufhören, Maschinen zu bauen, die Menschen nicht kontrollieren können“. Dies wiederholte er auch in einem breit publizierten Video.
Der Brief ist typisch für Sanders’ Politik. Er strotzt nur so vor Demagogie und leerer Rhetorik, die niemanden aufklärt. Er ist darauf ausgelegt, Angst zu schüren, und verschleiert gleichzeitig alle grundlegenden Fragen, die diese Technologie aufwirft: Wem gehört sie? Wer kontrolliert sie? In wessen Interesse wird sie entwickelt?
Sanders’ vordringendstes Beispiel für die angeblichen Gefahren der KI veranschaulicht seine Methode. „Vor kurzem wurde KI erstmals dazu genutzt, um neue Viren zu erschaffen“, schreibt er und warnt: „Diese Art der Entwicklung könnte in den falschen Händen zu neuen Biowaffen führen, die den Tod von zig Millionen Menschen zur Folge hätten.“
Wer Sanders’ Brief liest, könnte daraus schließen, dass dunkle Individuen in den Labors tödliche neue Krankheitserreger zusammenbrauen. Sanders bedient sich einer Sprache, die nicht zuletzt bei den Verfechtern der China-feindlichen Verschwörungstheorien vom Ursprung des Corona-Virus Gehör finden wird.
In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Ereignis, auf das er sich bezieht, um einen bedeutenden wissenschaftlichen Durchbruch. Am 6. August veröffentlichte die Fachzeitschrift Science einen Text aus dem Labor von Brian Hie an der Stanford University und dem Arc Institute, in dem über die ersten mit Hilfe eines generativen Modells entworfenen Virusgenome berichtet wurde. Bei den Viren handelt es sich um Bakteriophagen, die Bakterien befallen, nicht menschliche Zellen, und die Forschung zielt auf die Entwicklung von Therapien gegen Antibiotika-resistente Infektionen ab, an denen jedes Jahr mehr als eine Million Menschen sterben.
Dieser Erfolg zeigt das enorme Fortschrittspotenzial der neuen Technologie. In Sanders’ Darstellung wird jedoch ein Schritt, der zur Heilung von bisher Unheilbarem beiträgt, zum Vorboten einer neuen Seuche.
Sanders versucht, diesen medizinischen Durchbruch mit den realen Gefahren von KI-Modellen, die Cyberangriffe durchführen, gleichzusetzen.
Am 21. Juli gab OpenAI bekannt, dass zwei seiner Modelle aus einem Test ihrer Hacking-Fähigkeiten ausgebrochen waren und das Unternehmen Hugging Face angegriffen hatten, über das die weltweit offenen KI-Modelle verbreitet werden. Die Modelle wurden anhand eines Hacking-Benchmarks bewertet. Die KI-Modelle stellten fest, dass der Lösungsschlüssel auf den Servern von Hugging Face gespeichert war, verschafften sich Zugang zum Internet und übernahmen die Kontrolle über einen Großteil der technischen Infrastruktur des Unternehmens.
Clément Delangue, Mitbegründer von Hugging Face, schrieb: „Möglicherweise handelt es sich um den ersten Vorfall dieser Art.“ Michael Dalton vom technischen Team von OpenAI bezeichnete es als einen „Wendepunkt für die Computersicherheit als Branche“ und fügte hinzu: „KI-gesteuerte, vollautomatisierte Angriffe sind nun Realität. Die Aktionen, die wir heute diskutiert haben, waren ein unbeabsichtigter Nebeneffekt der Evaluierung von Spitzen-KI.“
Bezeichnenderweise war die direkte Ursache für den OpenAI-Hack eine Entscheidung des Unternehmens, die Modelle ohne die Sicherheitsvorkehrungen zu testen, die ein solches Verhalten verhindert hätten, und hinzu kam noch eine völlig unzureichende Aufsicht. OpenAI führte die Bewertung ohne die Klassifikatoren durch, die seine Modelle daran gehindert hätten, Angriffe auszuführen. Das Unternehmen schreibt: „Diese Sicherheitsvorkehrungen waren für den Einsatz während dieser Bewertung absichtlich nicht aktiviert.“
Diese Angriffe waren das Ergebnis der Geschäftspraktiken der Konzerne und ihrer Auftragnehmer – ausgelagerte Evaluierungen, um Kosten zu sparen, Systeme, die im Wettlauf mit der Konkurrenz überstürzt aktiviert werden, Sicherheitsvorkehrungen, die als Hindernisse gelten, weil sie die Finanzierung verzögern könnten. Die Vorfälle sind schwerwiegend, doch sie sind keine Anklage an die Technologie, sondern an die Konzerne, die sie besitzen. Aber genau an deren guten Willen wendet sich Sanders mit seinem Appell.
Die KI-Branche wird derzeit von den drei Milliardären kontrolliert, an die sich Sanders wendet, sowie vom Pentagon und den Geheimdiensten. Niemanden davon stellt Sanders in Frage. Tatsächlich zitiert er als Autorität in Sachen KI-Gefahr Trumps CIA-Direktor John Ratcliffe, der die bahnbrechenden Modelle als „vergleichbar mit digitalen Atomwaffen“ und „fast wie eine Weltuntergangsmaschine“ bezeichnet hat. Ratcliffe fügte in Äußerungen, die Sanders nicht zitiert, hinzu, dass die Vereinigten Staaten gegenüber ihren ausländischen Konkurrenten auf „der richtigen Seite der Gleichung“ stünden. Indem Sanders die CIA als Autorität anführt, akzeptiert er die Prämisse: Diejenigen mit den „falschen Händen“ – das sind die Zielobjekte des amerikanischen Imperialismus.
Sanders erwähnt nicht, wie der Imperialismus selbst KI derzeit einsetzt. Während er das Schreckgespenst einer zukünftigen Biowaffe heraufbeschwört, wird mithilfe dieser Technologie heute schon getötet. Das „Maven Smart System“ von Palantir – das das von Anthropic entwickelte Claude-Modell enthält – generierte in den ersten 24 Stunden des Angriffs auf den Iran rund 1.000 Bombenziele. Systeme derselben Art setzte Israel beim Völkermord im Gazastreifen ein.
Sanders schweigt ebenso zu der sozialen Katastrophe, die sich anbahnt. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 haben US-Arbeitgeber mehr als 477.000 Stellenstreichungen angekündigt, wobei KI schon den fünften Monat in Folge als Hauptgrund genannt wird. Die Automatisierung trifft direkt die Fach- und Wissensberufe und es gibt Studien, die voraussagen, dass bis 2030 weltweit Hunderte Millionen Arbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren werden.
Anstatt auch nur eins dieser Probleme anzusprechen, appelliert Sanders an das Gewissen der Führungskräfte. Sie fordert er auf, „im Interesse der Menschheit“ „zu ihrem Wort zu stehen“. Dabei zählt er im selben Brief auf, wie jedes einzelne Sicherheitsversprechen dieser Konzernchefs gebrochen wurde, sobald es dem Wettlauf um Marktanteile im Wege stand – einem Wettlauf, den die massive Spekulationsblase im KI-Bereich antreibt.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
„Wenn Sie jetzt keine entsprechenden Maßnahmen ergreifen“, so der Schluss des Briefes, „werden meine Kollegen und ich im US-Senat dies tun.“ Das ist reine Demagogie. Weder Sanders noch der Senat und seine Ansammlung von Vertretern der herrschenden Klasse werden irgendetwas unternehmen, um die Kontrolle der Oligarchen über KI in Frage zu stellen.
Alle Vorschläge von Sanders zur KI sind auf die Interessen des amerikanischen Imperialismus und der Demokratischen Partei zugeschnitten. Bereits zuvor hatte er schon einmal einen „KI-Staatsfonds“ gefordert, bei dem die Regierung eine 50-prozentige Beteiligung an den größten KI-Konzernen übernehmen sollte. Dies deckt sich mit Trumps eigenem Staatsfonds und mit den Wünschen von Altman, der Washington eine Beteiligung an seinem Unternehmen angeboten hat, um im Falle, dass die Blase platzt, staatliche Hilfen zu erhalten.
„Hört auf, Maschinen zu bauen, die Menschen nicht kontrollieren können“ so Sanders; aber damit stellt er das Problem völlig falsch dar: Die Frage ist nicht, ob Menschen die KI kontrollieren, sondern welche Klasse.
Diese Frage wird in der Resolution „KI und der Kampf für den Sozialismus“ aufgegriffen, die die Socialist Equality Party (USA) auf ihrem Neunten Parteitag vom 2. bis 7. August einstimmig verabschiedet hat; die World Socialist Web Site wird sie vollständig veröffentlichen.
„Die Entwicklung der KI wirft die entscheidenden Fragen auf, mit denen die Arbeiterklasse bei jedem großen Fortschritt der Produktivkräfte konfrontiert ist“, heißt es in der Resolution. „Wem gehört sie? In wessen Interesse wird sie entwickelt? Zu welchem Zweck wird sie eingesetzt? Von der Antwort auf diese Fragen hängt ab, ob die nun gebündelten immensen Kräfte zur Befreiung der Menschheit oder zu einer neuen Barbarei führen werden.“
Die Resolution wendet sich gegen die Darstellung der KI als einer unkontrollierbaren Bedrohung und betont: „Keine dieser reaktionären Anwendungen resultiert aus der Technologie selbst, sondern aus den sozialen Verhältnissen, in denen sie entwickelt wird – dem Privateigentum, dem Profitsystem und der Aufteilung der Welt in rivalisierende Nationalstaaten.“ Sie lehnt die Forderung nach einer „Pause“ ab – die als Appell gleich welcher Art darauf abzielt, die Entwicklung der Technologie selbst zu stoppen.
Die Resolution schließt mit den Worten: „Die Arbeiterklasse muss sich die KI zu eigen machen, so wie sie sich alle Produktivkräfte zu eigen machen muss, die ihre Arbeit geschaffen hat; und sie muss die Oligarchie enteignen, die sie sich angeeignet hat, und die Weltwirtschaft auf sozialistischen Grundlagen neu organisieren.“
