Ab dem heutigen Freitag stehen alle acht Folgen der Serie „KRANK Berlin“ in der ZDF-Mediathek zur Verfügung. Damit erreicht eine der bemerkenswertesten deutschen Fernsehproduktionen der letzten Jahre ein breites Publikum. Seit Februar 2025 war die Serie bereits beim Bezahldienst Apple TV+ zu sehen.
Die preisgekrönte Serie zeigt ein kaputtgespartes Gesundheitssystem aus der Sicht derer, die es Tag für Tag am Laufen halten und dabei psychisch und physisch an ihr Limit gehen. Sie zeigt eine Notaufnahme in Berlin-Neukölln, in der Personal, Betten, Geräte und Geld fehlen – und Menschen, die unter diesen Bedingungen trotzdem täglich Leben retten.
Entwickelt wurde die Serie von Samuel Jefferson, der selbst als Notaufnahmearzt gearbeitet hat – in Zusammenarbeit mit Viktor Jakovleski.
Im Mittelpunkt steht Dr. Zanna Parker (Haley Louise Jones), eine junge Ärztin, die nach einer Affäre mit ihrem Schwager, unter dem sie zuvor in einer Münchner Klinik gearbeitet hat, nach Berlin kommt und dort die Leitung der Notaufnahme eines Neuköllner Krankenhauses übernimmt, das die Belegschaft nur „KRANK“ nennt. Das Krankenhaus ist offenbar dem Vivantes Klinikum Neukölln nachempfunden.
Das Krankenhaus genießt einen schlechten Ruf. Den Posten wollte sonst niemand. Klinikchef Dr. Steffen Beck (Peter Lohmeyer) gibt ihr unumwunden zu verstehen, dass er die Abteilung am liebsten loswürde. Mit Notfallmedizin lasse sich kein Geld verdienen, sagt er offen. Vor Parker haben innerhalb eines Jahres vier Leitungskräfte die Abteilung verlassen.
Parker trifft auf ein erschöpftes, zerstrittenes Team. Der Notarzt Ben Weber (Slavko Popadić) ist medikamentenabhängig, und seine Sucht steigert sich von Folge zu Folge. Die Chirurgin Emina Ertan (Şafak Şengül) stellt Parkers Autorität offen infrage. Assistenzarzt Dominik Kohn (Aram Tafreshian) versagt unter Druck und vertuscht mehrmals seine Fehler.
Die Szenen mit den Rettungssanitätern Olivia Kropf (Samirah Breuer) und Olaf Hendel (Bernhard Schütz) geben Einblick in den aufreibenden und teils gefährlichen Alltag auf den Straßen Berlins.
Die Inszenierung ist schnell, unruhig, oft beklemmend. Die Kamera bleibt dicht an den Figuren. Die Ärzte erscheinen nicht als unfehlbare Autoritäten, sondern als überarbeitete Menschen, die Fehler machen und Schwächen haben. Schwarzer Humor hilft ihnen, den Alltag zu überstehen. Die durchweg starke Besetzung bringt den Realismus zur Geltung und wirkt nicht überzogen oder gekünstelt.
Wesentlichen Anteil daran hat die Kameraarbeit (Tim Kuhn, Jieun Yi), die verdient mit dem Deutschen Fernsehpreis 2025 in der Kategorie „Beste Kamera Fiktion“ ausgezeichnet wurde. Sie arbeitet überwiegend mit einer dem Geschehen folgenden Handkamera, verbindet Figuren, Orte und Handlungen miteinander und bestimmt so oft die Komposition und den Rhythmus einer Szene. Es entsteht ein immersiver Eindruck der Notaufnahme sowie der eingespielten Handgriffe, Abläufe und Bewegungen der Figuren in ihrem harten Arbeitsalltag. Das Set der Serie wurde speziell so gebaut, dass sich Kamera und Darsteller viel bewegen können.
Die Stärke der Serie liegt darin, dass sie die Probleme ihrer Figuren nicht als private Schwächen abtut, sondern als Folge gesellschaftlicher Verhältnisse zeigt.
Parker versucht zunächst, innerhalb des Systems etwas zu verbessern. Als sie Beck fragt, ob sie etwas ändern dürfe, antwortet dieser: „Machen Sie mir das Leben leichter.“ Gemeint ist: Kosten senken und Geld hereinbringen. Parker sieht, wie hart ihr Team unter schwierigen Bedingungen arbeitet, und will diese durch zusätzliche Einnahmen verbessern, indem sie zu nicht medizinisch notwendigen Operationen rät, die mit hohen Fallpauschalen winken. Eine weit verbreitete Methode. Es scheint zu funktionieren: Die Notaufnahme erhält neue Computer und eine zusätzliche Pflegekraft wird eingestellt.
Welchen Preis das hat, zeigt ein Handlungsstrang um ein homosexuelles Paar mittleren Alters. Einer der beiden kommt mit einem akuten Nierenstein in die Notaufnahme. Parker überredet ihn zu einer vorbeugenden Entfernung der Gallenblase, weil der Eingriff der Klinik Geld einbringt. Die Folgen sind verheerend, da der Patient sich durch den Eingriff eine Sepsis zuzieht und ihm infolgedessen ein Unterschenkel amputiert werden muss.
Dies löst bei Parker starke Gewissenskonflikte aus. Sie hatte die teilweise unnötigen Operationen empfohlen, um mit dem zusätzlichen Erlös mehr Personal und bessere Ausrüstung zu erhalten. Nachdem die Amputation unausweichlich ist, sagt sie zu Weber: „Ich dachte, ich tue das Richtige. Aber das Gesundheitssystem ist im Arsch.“ Weber entgegnet: „Es ist wie Krebs.“ Es frisst die Beschäftigten ebenso auf wie die Patienten.
Hier zeigt die Serie, was die Logik der Ökonomisierung des Gesundheitswesens im Alltag bedeutet: Medizinische Entscheidungen werden der Abrechnung untergeordnet. Lukrative Eingriffe werden ausgeweitet, die Notaufnahme, die vor allem Kosten verursacht, wird ausgehungert.
Wohin diese Logik führt, zeigt die fünfte Folge. Die Sanitäter Olaf und Olivia werden in ein Pflegeheim gerufen und finden die Bewohner dort in einem Zustand schwerer Vernachlässigung vor. Die Szene ist leider kurz, aber sie wirkt nach. Unweigerlich erinnert man sich an die zahlreichen Skandale in Pflegeheimen in den letzten Jahren.
Auch Webers Sucht ist nicht nur der Dramaturgie der Serie geschuldet. Die Figur wird – gerade zu Beginn – stark überzeichnet. Zu Beginn der ersten Folge trifft Weber in völlig desolatem Zustand nach Drogenkonsum an seinem Arbeitsplatz ein. Als dort ein Mann zu ersticken droht, injiziert sich Weber selbst (vermutlich) Adrenalin, wird so für kurze Zeit klar und kann den Mann durch eine Punktion der Lunge retten. Anschließend bricht er ohnmächtig zusammen.
Doch mehr und mehr wird klar, dass seine Sucht ins Verderben führt, und man empfindet als Zuschauer Mitleid für die tragische Figur. Weber ist Opfer eines Systems, das seine Beschäftigten verschleißt. Schichtdienst, Personalmangel und die ständige Konfrontation mit Leid treiben viele Beschäftigte im Gesundheitswesen an die Grenze ihrer Kräfte. Auch Ertans Versuche, sich auf eine andere Stelle in einer anderen Klinik zu bewerben, sind Ausdruck dieses enormen Drucks.
Ebenso deutlich wird die Serie beim Thema Polizeigewalt. Emina Ertans jüngerer Bruder Afrim, der in der Notaufnahme ein Praktikum macht, wird von einem Polizisten so schwer verprügelt, dass er im Koma liegt. Später stellt Ertan den verantwortlichen Polizisten zur Rede, der sich als übler, vermutlich ausländerfeindlicher Schläger entpuppt. In der finalen Folge wird ausgerechnet dieser Polizist schwer verletzt eingeliefert, und Ertan muss entscheiden, ob sie ihn behandelt. Die Serie zeigt hier sehr eindrücklich und ohne Pathos die allgegenwärtige Polizeigewalt, die Jugendliche in Vierteln wie Neukölln nur zu gut aus ihrem Alltag kennen.
Ärztliches Ethos und wirtschaftliche Anforderungen
Der offensichtliche Widerspruch zwischen dem ärztlichen Ethos und den gesetzlichen und wirtschaftlichen Anforderungen an die Beschäftigten wird an mehreren Stellen stark thematisiert. So behandelt Weber auf dem Parkplatz heimlich Obdachlose und Migranten ohne Papiere, die keinen Zugang zur regulären Versorgung haben.
Wie ein überlastetes System Sündenböcke produziert, zeigt die Serie in Folge 2. Vor Parkers Zeit ist an einem 1. Mai eine Lehrerin bei völliger Überlastung der Notaufnahme auf dem Gang gestorben. Nun verlangt Beck von Parker einen Verantwortlichen. Die Befragten schweigen. Nach langem Zögern nennt Weber den Namen des Kollegen und schickt Parker in einen stillgelegten, heruntergekommenen Trakt der Klinik, wo Weber später heimlich die Menschen ohne Papiere behandelt. Dort findet Parker ein aufklappbares Torsomodell, auf dessen Brustplatte „Volker Racho“ geschrieben steht. Sie schleift es wütend nach draußen, wo mehrere Kollegen in einer Pause sitzen und lachen. Weber fragt sie: „Du denkst jetzt, irgendwer von uns ist schuld, ja?“
Die letzte Folge bündelt diese Themen in einem starken Schluss. Nach einem Großbrand in einem nahegelegenen Club arbeitet die Notaufnahme die ganze Nacht am Limit. Parker organisiert trotz der chaotischen Verhältnisse routiniert eine Notfall-Triage. Weber, der am Tag zuvor fast an einer Überdosis gestorben ist, kehrt zurück. Olivia gerät in dem einstürzenden Gebäude selbst in Lebensgefahr und Kohn, der unter seinen gemachten Fehlern leidet, kommt bei dem verzweifelten Versuch, Menschen zu retten, selbst ums Leben.
Während das Team der Notaufnahme noch um zahlreiche Leben kämpft, tritt in der Rettungswagenzufahrt die Gesundheitssenatorin vor die Presse. Parker will die Presse zunächst vertreiben, wird aber von Beck und der Senatorin dazu genötigt, zur Presse zu sprechen.
Sie macht ein starkes Statement, in dem sie erklärt, die Ärzte und Pfleger der Notaufnahme seien keine Helden, sondern müde Menschen, die einfach anderen helfen wollten und deshalb auch Fehler machten. Sie schöben ständig Doppelschichten, weil viel zu wenige für viel zu viel Arbeit da seien und es teils nicht einmal die nötigen Geräte gebe. Um mehr Menschen besser helfen zu können, habe sie selbst Geld über das Wohl von Patienten gestellt. Es fehle an Ressourcen, und das gelte nicht nur im KRANK und nicht nur in Berlin, sondern überall.
Mit ungeheurem Zynismus nimmt die abgebrühte Senatorin dies als Aufhänger und verkündet, dass das Krankenhaus an die Investmentgesellschaft Cure Pulse Equity verkauft und in eine Privatklinik umgewandelt werden solle. Es ist dasselbe Unternehmen, welches das verwahrloste Pflegeheim aus der fünften Folge betreibt. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Senatorin dies als Verbesserung für Mitarbeiter und Patienten darstellt, verschlägt Parker regelrecht die Sprache.
Die Realitätsnähe dieser Szene lässt auch den Zuschauer nicht kalt. Tatsächlich argumentieren genauso Politiker aller Parteien, wenn es darum geht, öffentliche Einrichtungen an profitgierige private Investoren zu verscherbeln. In Berlin haben dies CDU, Grüne und vor allem SPD und Linke gnadenlos umgesetzt und eine soziale Verwüstung angerichtet. So kündigte Vivantes, Deutschlands größter kommunaler Klinikträger, 2024 nach einem Defizit von 131 Millionen Euro ein drastisches Sparprogramm an.
Autor Samuel Jefferson hat erklärt, er habe die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens zeigen wollen. Dass Deutschland trotz seines guten Rufs dasselbe Problem hat, habe ihn überrascht.
Alles andere als Fiktion
Aber das ist alles andere als Fiktion. Private Konzerne wie Helios, Asklepios und Sana betreiben heute einen großen Teil der deutschen Kliniken. Auch in der Altenpflege dominieren Finanzinvestoren mittlerweile den Markt.
Was in „KRANK Berlin“ zu sehen ist, ist für viele Notaufnahmen in Deutschland Alltag. Das belegt eine aktuelle Umfrage der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA), über die der Spiegel berichtete. Zu einem Stichtag im Juni 2026 meldeten 45 Prozent der befragten Notaufnahmen, überbelegt und überlastet zu sein. 5,5 Prozent stuften sich in die höchste Stufe ein: gefährlich überfüllt.
Rund die Hälfte der Kliniken gab an, die Lage habe sich in den vergangenen zwölf Monaten weiter verschlechtert. Hauptgrund ist der Mangel an Betten: 60,6 Prozent konnten Patienten nicht auf reguläre Stationen verlegen. Fast zwei Drittel berichteten von unbesetzten Stellen bei Ärzten und Pflege, nur knapp ein Drittel hielt die Personalausstattung für ausreichend. DGINA-Präsident Martin Pin warnte, unter solchen Bedingungen sei die Patientensicherheit gefährdet. In den freien Antworten schrieb ein Teilnehmer: „Es macht keinen Spaß mehr, und alle sind müde.“
Die aktuelle Krankenhausreform forciert weitere Schließungen und radikale Kürzungen in Kliniken. Mit dem Sparpaket bei den gesetzlichen Krankenkassen kommen weitere Belastungen hinzu. Krankenhausverbände warnen vor einer Pleitewelle.
Das Ganze findet vor dem Hintergrund einer gigantischen Aufrüstung und einer nie dagewesenen Umverteilung von Reichtum von unten nach oben statt.
Dies ist der Grund für den Erfolg von „KRANK Berlin“ und einer ganzen Reihe weiterer Produktionen, die sich ernsthaft mit dem Zustand des Gesundheitswesens befassen. Sie spiegeln die Erfahrungen von Millionen Beschäftigten und Patienten wider, die den Niedergang der Versorgung am eigenen Leib erleben.
Die US-Serie „The Pitt“ hatte einen unglaublichen Erfolg. Die zweite Staffel zog in den ersten drei Tagen fast 200 Prozent mehr Zuschauer an als der Serienstart, im Schnitt sahen rund 12 Millionen Menschen in den USA jede Folge. Die Serie zeigt unter anderem, wie ICE-Agenten eine Krankenschwester auf dem Klinikgelände festnehmen, und wie ein Diabetiker ohne Krankenversicherung die Behandlung abbricht.
Der Erfolg von „The Pitt“ erklärt sich aus seinem sozialen Realismus und seiner zutiefst menschlichen Haltung. Damit hebt sich die Serie wohltuend von dem Zynismus und der Brutalität ab, die viele Streaming-Erfolge der letzten Jahre prägten. Ähnlich wie in Neukölln steht auch in Pittsburgh ein vielfältiges Team im Mittelpunkt, dessen Mitglieder vor allem die gemeinsamen Bedingungen ihrer Arbeit verbinden.
Im Kino hat zuletzt Petra Volpes Film „Heldin“ mit Leonie Benesch zu Recht ein großes Publikum gefunden. Der Film begleitet eine Pflegefachfrau durch eine einzige Spätschicht auf einer Basler Chirurgiestation, die sie mit nur einer Kollegin und einer Auszubildenden für 25 Patienten bewältigen muss. Am Ende warnt der Film, dass laut WHO bis 2030 weltweit rund 18 Millionen Pflegekräfte fehlen werden.
„KRANK Berlin“ liefert keine politischen Antworten auf die drängenden Fragen, und das ist auch nicht die Aufgabe einer Fernsehserie. Aber sie wirft gekonnt die richtigen Fragen auf. Wofür ist ein Krankenhaus da? Wer entscheidet, welche Behandlung sich für wen „lohnt“? Und was geschieht mit Menschen, die unter solchen Bedingungen arbeiten müssen?
Darin liegt ihr Wert, und das ist auch der Grund für ihren Erfolg. Eine zweite Staffel ist bereits bestellt und es bleibt zu hoffen, dass diese ebenso schonungslos und realitätsnah ist. Die erste Staffel ist uneingeschränkt zu empfehlen.
