Wie die Bundesregierung den Eichmann-Prozess manipulierte

Adolf Eichmann, dem Hauptorganisator des Holocaust, wurde vor 65 Jahren in Israel der Prozess gemacht. Die Regierung von Konrad Adenauer und ihr Geheimdienst fürchteten, der Angeklagte könne etliche Alt-Nazis in der Regierung, im Justizapparat oder anderen hohen Ämtern enttarnen und deren Mitwirkung an NS-Verbrechen aufdecken. Allen voran ging es um den Staatssekretär im Bundeskanzleramt Hans Globke, Adenauers rechte Hand, der maßgeblich an der Abfassung und Kommentierung der Nürnberger Rassengesetze beteiligt gewesen war. Um die Enttarnung von Globke und anderer Belasteter zu verhindern, entsandten die Bundesregierung und der Bundesnachrichtdienst (BND) etliche mit großzügigen Bezügen, Spesen und Vollmachten ausgestattete Agenten in den Prozess oder sein Umfeld.

Adolf Eichmann vor Gericht [Photo by „Adolf Eichmann on trial #1 - the man in the glass booth“ von The Huntington / CC BY 2.0]

Kürzlich berichtete die Süddeutsche Zeitung unter dem etwas missverständlichen Titel „Der Mann, der Eichmann verraten hat“ über diesen Aspekt des Eichmann-Prozesses.[1] Der Autor Willi Winkler, der diverse Presseartikel und Bücher zur braunen Vergangenheit bundesdeutscher Eliten verfasst hat, nahm den Tod des letzten Agenten und Augenzeugen des Eichmann-Prozesses zum Anlass, das Netzwerk zu beleuchten, dessen Aufdeckung die Bundesregierung durch den Prozess fürchtete und offenbar bis heute fürchtet. Mit „Verrat“ meint Winkler den juristischen Begriff des „Mandantenverrats“, aber die Aktion der Bundesregierung ging weit über das Juristische hinaus.

Bei dem im Sommer 2025 verstorbenen Agenten handelte es sich um Dieter Wechtenbruch, den Assistenten von Robert Servatius, der Eichmann im Prozess als Anwalt verteidigte. Bis zu seinem Tod 2025 praktizierte Wechtenbruch als Rechtsanwalt in München und bewahrte sein Leben lang Stillschweigen über seine Agenten-Rolle im Eichmannprozess. Der Agent hatte vor allem eine Aufgabe: Globke und andere noch politisch tätige NS-Kollaborateure, von denen es damals in allen Ämtern, Parteien und Behörden der BRD wimmelte um jeden Preis aus dem Verfahren herauszuhalten.

Gleichzeitig berichtete er seit dem Sommer 1960 als Agent V-7461 unter dem Decknamen „Laqueur“ über den BND-Sitz Pullach alles nach Bonn, was über den hermetisch von der Außenwelt abgesperrten Gefangenen in Erfahrung zu bringen war. In seinem Vertrag mit dem BND hieß es: „Rechtsanwalt Wechtenbruch verpflichtet sich, der Presse, Verlegern oder sonst an Veröffentlichung interessierten Personen keinerlei Mitteilungen über Prozessmaterial oder Verfahren oder über Erklärungen und Mitteilungen des Mandanten zu machen, auch wird er selbst keine Veröffentlichung vornehmen.“ Und Wechtenbruch hielt sich daran. Er war keineswegs der einzige Agent, den BND und die Adenauer-Regierung entsandten.

Dem Bundesnachrichtendienst (BND) und der Bundesregierung ging es darum, die Weltöffentlichkeit von der „Stunde Null“, der absoluten Integrität und der gründlichen Vergangenheitsbewältigung des westdeutschen Staats und seiner Repräsentanten zu überzeugen und gleichzeitig die Anschuldigungen der DDR zu entkräften, die im Kalten Krieg gestützt auf ihr vorliegende Informationen die Nazi-Vergangenheit von Vertretern des westdeutschen Staats anprangerte.

Adolf Eichmann wurde im April 1961 in Israel vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und am 31. Mai 1962 hingerichtet. Eichmann war der Hauptorganisator der Judenvernichtung. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer war im Dritten Reich Leiter der Dienststelle „Endlösung der Judenfrage“ im Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Diese zentrale Dienststelle des RSHA mit dem Kürzel IV B 4 organisierte die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von europäischen Juden in die Vernichtungslager. Eichmann war somit entscheidend mitverantwortlich für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen in Europa.

Er hatte bei der Wannseekonferenz das Protokoll geführt, bei der die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas minutiös geplant wurde. Ihm oblag die Zusammenstellung und die reibungslose Logistik der Transporte in die Vernichtungslager aus Deutschland und anderen europäischen Ländern sowie aus den besetzten Gebieten. Er war führenden NS-Politikern unterstellt, wie dem SS-Obergruppenführer und General der Polizei Reinhard Heydrich und seinem Stab, und handelte auf deren Befehl. Seine Befehle führte er gewissenhaft und äußerst akribisch aus. Er gehörte zu den wenigen führenden Nazi-Verbrechern, die nach den Nürnberger Prozessen noch für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen wurden.

Die ganz große Zahl der in die NS-Herrschaft verwickelten Personen jedoch – hohe Staatsbeamte, Professoren, Richter, Staatsanwälte, SS-Leute, hohe Parteifunktionäre, Polizeioffiziere oder Militärs – konnten ihre Karriere in der Bundesrepublik mehr oder weniger nahtlos und häufig in sehr hohen Ämtern bis zur Pensionierung fortsetzen.

Das von den Alliierten nach dem Ende der Naziherrschaft zusammengestellte Gericht in Nürnberg hatte zwar die politischen Hauptakteure des Regimes verurteilt und wichtige Maßstäbe für das Völkerrecht gesetzt, die Frage der Verantwortung der NS-Justiz und der Reichsverwaltung für die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung stand damals allerdings nicht im Zentrum.

Wie Eichmann entkam

Eichmann und viele andere konnten umso leichter davonkommen, weil nach Gründung der Bundesrepublik 1948 die Adenauer-Regierung die Entnazifizierung mit der Begründung eingestellt hatte, um jeden Preis einen Schlussstrich unter die braune Vergangenheit zu ziehen. Die Amnestiegesetze von 1949 und 1954, an deren Ausarbeitung ehemalige NS-Juristen führend beteiligt waren, begnadigten zehntausende Täter. Der Bundestag beschloss die sogenannte 131er Regelung, die allen, die bei Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer durchgegangen waren, wieder eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst ermöglichte.

Die Verjährungsfrist von Mordverbrechen war nach 1945 zunächst auf 20 Jahre festgelegt worden. Dagegen gab es heftige Proteste. Bis 1979 dauerte die Debatte über die Aufhebung der Verjährungsfrist. Erst dann war eine Strafverfolgung von NS-Verbrechern wieder möglich, aber viele Täter, Zeugen oder Opfer waren bereits tot oder nicht mehr zu ermitteln.

Nach Kriegsende war Eichmann zunächst in Deutschland untergetaucht und lebte eine Zeitlang am Chiemsee und in der Lüneburger Heide. 1950 gelang es ihm, mit Hilfe des Vatikans über die sogenannte Rattenlinie nach Argentinien zu flüchten. Dort lebte er wie viele andere Kriegsverbrecher und NS-Schergen unbehelligt. Er nahm den Decknamen Ricardo Klement an und arbeitete in einem Werk von Mercedes Benz. Zwei Jahre später folgten ihm seine Frau und seine beiden Söhne.

Aus Akten, die 2011 bekannt wurden, geht hervor, dass der Organisation Gehlen, dem späteren BND, und der Bundesregierung Eichmanns Aufenthalt bereits seit Anfang der 1950er Jahre gerüchteweise und ab 1952 sicher bekannt war. Sowohl der Geheimdienst – in dem mit ausdrücklicher Billigung der US-Regierung und ihrer Geheimdienste zahlreiche ehemalige NS-Offiziere und Parteimitglieder tätig waren – als auch die Adenauer-Regierung waren nicht daran interessiert, Eichmann vor Gericht zu bringen, und taten alles, um ihn davor zu bewahren. Im Kalten Krieg waren sowohl die deutschen wie die US-Geheimdienste daran interessiert, ehemalige NS-Mitglieder nicht zu verfolgen, sondern als Antikommunisten gegen die Sowjetunion zu instrumentalisieren.

Kanzleramtschef Hans Globke saß wie eine Spinne im Netz und sorgte im gesamten Staatsapparat dafür, dass das bewährte Personal aus dem Dritten Reich die entscheidenden Stellen im Apparat möglichst lückenlos besetzte. Auch dass Eichmann unbehelligt blieb, war ihm zu verdanken.

Die Rolle von Fritz Bauer

Dass Eichmann in Israel vor Gericht gestellt werden konnte, ist vor allem das Verdienst des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (1903-1968). Der hatte Hinweise über Eichmanns Aufenthalt bekommen und hätte ihn gern in Deutschland vor Gericht gestellt. Aber das war ihm nicht möglich. 2006 veröffentlichtes CIA-Material deutet darauf hin, dass es von höchster Regierungsebene verhindert wurde. Es gab in der Regierung Konrad Adenauers erhebliche Sorgen vor eventuellen Aussagen Eichmanns über Globke oder andere Regierungsmitglieder.

Bauer ist es maßgeblich zu verdanken, dass es den bundesdeutschen Eliten in den 1950er und 60er Jahren nicht gelang, endgültig den Mantel des Vergessens über die Verbrechen der Nazis auszubreiten, auch wenn er sein Ziel, die wirklich Verantwortlichen in Deutschland vor Gericht zu stellen, nur ansatzweise durchsetzen konnte.

Generalstaatsanwalt Fritz Bauer

Sein wichtigster Erfolg waren die Frankfurter Auschwitz-Prozesse 1963 bis 1965, bei denen das Ausmaß der Grausamkeit und des Massenmords in dem Vernichtungslager deutlich wurde, auch wenn es nicht gelungen war, Hauptverantwortliche vor Gericht zu bringen. Der jüdische Sozialdemokrat und Jurist Bauer hatte selbst im KZ gesessen und war schließlich vor den Nazis geflohen. Er stieß in seiner Arbeit auf so viele Anfeindungen und Hindernisse, dass er konstatierte, beim Verlassen seines Büros betrete er ein „feindliches, ausländisches Land“, da die Justiz von ehemaligen Nazi-Funktionären durchsetzt war und ihn auf Schritt und Tritt behinderte.

Was den Fall Eichmann anging, hatte er die Information erhalten, dass die Tochter eines vor den Nazis nach Argentinien geflohenen Juden sich durch Zufall mit einem Sohn Eichmanns angefreundet hatte. 1957 schrieb der Emigrant an Fritz Bauer und teilte ihm mit, wo der NS-Verbrecher unter falschem Namen in Buenos Aires wohnte.

Bauer wollte Eichmann nach Deutschland ausliefern lassen, konnte jedoch auf Grund seiner Erfahrungen den deutschen Behörden nicht trauen. Er fragte beim US-Konsulat in Frankfurt an, ob die Amerikaner helfen würden, die Auslieferung eines „nachgewiesenen NS-Verbrechers“ aus einem anderen Land zu erwirken. Doch der zuständige US-Beamte verstand offenbar nicht, um wen es sich handelte, und blieb untätig.

Aber Bauer wollte nicht aufgeben. So entschloss er sich, den israelischen Mossad zu informieren. Der war interessiert und organisierte die Festnahme und Entführung Eichmanns aus Argentinien und stellte ihn in Jerusalem vor Gericht.

Die Reaktion der Adenauer-Regierung auf den Prozess

Die Bundesregierung war höchst alarmiert, als ihr das bekannt wurde. Sie sorgte sich, dass Eichmann vor Gericht auspacken und hohe Staatsbeamte und Regierungsmitglieder in Deutschland als ehemalige Nazis entlarven könnte.

In seinem Artikel in der Süddeutschen zitiert Winkler die Rede Adenauers am Vorabend des Eichmann-Prozesses: „Im deutschen Volkskörper, im moralischen Leben des deutschen Volkes, gibt es heute keinen Nationalsozialismus mehr, kein nationalsozialistisches Empfinden. Wir sind ein Rechtsstaat geworden.“ Gleichzeitig habe er den Wunsch zum Ausdruck gebracht, „dass in diesem Prozess die volle Wahrheit ans Licht kommt und dass Gerechtigkeit geübt wird“.

Das war in mehrfacher Hinsicht gelogen, denn Adenauer war sehr bewusst, dass in der BRD noch zahlreiche Nazis in wichtigen Positionen saßen und dass es durchaus noch „nationalsozialistisches Empfinden“ gab. Immer wieder tauchten u.a. Hakenkreuze an Wänden auf und rechtsextreme Jugendbünde trieben ihr Unwesen.

Adenauer war auch ganz und gar nicht an der vollen Wahrheit gelegen. Ende der 1950er Jahre waren durch kritische Berichte, wie die Wanderausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ und kritische Nachfragen der jüngeren Generation einige der Verbrechen und ihre weiterhin in Staat und Gesellschaft aktiven Urheber oder Mitverantwortlichen aufgedeckt worden.

So gab es 1959 den Skandal des Flensburger Euthanasie-Prozesses gegen den Arzt Dr. Werner Heyde. Der war als leitender Psychiater und SS-Standartenführer der medizinische Hauptverantwortliche für die „Aktion T4“. In dieser Funktion organisierte und begutachtete er die systematische Ermordung von schätzungsweise 70.000 bis 100.000 kranken und behinderten Menschen in den Gaskammern der NS-Tarnbehörden. Nach dem Krieg ließ er sich als Arzt unter dem falschen Namen Dr. med. Fritz Sawade in Flensburg nieder, während viele hochrangige Juristen, Mediziner und Politiker in Schleswig-Holstein um seine wahre Identität wussten und ihn deckten.

An seiner Strafverfolgung war Fritz Bauer wesentlich beteiligt. Aber Heyde entzog sich, nachdem der Prozess fünf Jahre lang hinausgezögert worden war, einer Verurteilung durch Selbstmord in der Haft. Prozesse gegen seine Mitwisser und Leute, die ihn gedeckt hatten, verliefen weitgehend im Sand.

Globkes Rolle im Dritten Reich und in der jungen Bundesrepublik

Nach Eichmanns Verhaftung traf die Bundesregierung sofort Vorkehrungen, um zu verhindern, dass Eichmanns Aussagen ihr und den ehemaligen Nazis in ihrem Apparat – allen voran Kanzleramtschef Hans Globke – gefährlich werden konnten.

Der promovierte Jurist Globke war in der Weimarer Zeit und anschließend die gesamte Nazizeit über im Reichsministerium des Innern maßgeblich mit der Namens- und Rassengesetzgebung, dem Personenstands- und dem Staatsangehörigkeitsrecht befasst. Schon ab 1929 war er im Preußischen Innenministerium verantwortlich für Fragen der Namensänderung und Personenstandsfragen. Er verfasste dazu einen Runderlass, in dem es hieß, jede Namensänderung beeinträchtige die „Erkennbarkeit der Herkunft aus einer Familie“, erleichtere die „Verdunkelung des Personenstandes und verschleiere die blutmäßige Abstammung“. Dieser Erlass war offenbar schon darauf ausgerichtet, es Juden zu erschweren, ihren jüdisch klingenden Namen zu ändern. Globke gehörte also schon vor der Naziherrschaft zu den Wegbereitern einer Rassengesetzgebung.[2]

Hans Globke [Photo by Bundesarchiv, B 145 Bild-F015051-0001 / Patzek, Renate / CC BY-SA 3.0]

Zwar war Globke nie Mitglied der Nationalsozialistischen Partei. Sein Antrag auf Mitgliedschaft war abgelehnt worden, weil er in der Partei als gläubiger Katholik nicht erwünscht war. Aber das hinderte ihn nicht, maßgeblich an der Rassengesetzgebung mitzuwirken. Er verfasste zusammen mit dem SS Obergruppenführer Wilhelm Stukart die Nürnberger Rassengesetze und den maßgeblichen Kommentar dazu. Darin propagierte er das Zusammengehörigkeitsgefühl des „rassisch homogenen deutschen Volkes“ und diskriminierte alle Personen „fremden Blutes“, vor allem Juden, als rassisch minderwertig.

Als Ministerialbeamter war er für die Namensänderungsverordnung von 1938 verantwortlich, durch die Juden als solche erkennbar gemacht und stigmatisiert wurden. Soweit sie nicht bereits eindeutig jüdische Vornamen hatten, mussten sie zusätzlich den Namen „Sara“ oder „Israel“ führen.

Außer mit Allgemeinen Rassenfragen beschäftigte sich Globke auch mit den „Ein- und Auswanderungen“ von Juden und Angelegenheiten im Zusammenhang mit dem antisemitischen „Blutschutzgesetz“, das heißt der sogenannten Rassenschande. Sein Tätigkeitsbereich umfasste auch die Erarbeitung von Vorlagen und Entwürfen für Gesetze und Verordnungen. Hier musste Eichmann ganz sicher seinen Verordnungen und Anweisungen folgen, zumal im Ministerialblatt der inneren Verwaltung die Mitwirkung der beiden Verfasser Stukart und Globke an der „Rassengesetzgebung“ betont und der Kommentar quasi für verbindlich erklärt worden war. Beteiligt war Globke auch an weiteren Durchführungsverordnungen zu den Nürnberger Gesetzen.

Auch für die Deportationen griechischer Juden wurde Globke verantwortlich gemacht. Max Merten, ein ehemaliger Verwaltungsoffizier der Wehrmacht in Saloniki, belastete ihn schwer. Globke sollte eine Mitschuld am Holocaust (der damals noch nicht so genannt wurde) in Griechenland tragen.

Ein dazu von Fritz Bauer 1960 begonnenes Ermittlungsverfahren gegen Globke wurde im Mai 1961 nach Intervention des Kanzlers an die Staatsanwaltschaft Bonn abgegeben und dort mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt. Bauers Vorermittlungen hatten eingesetzt, nachdem ihm bekannt geworden war, dass Globke die Rettung von 20.000 Juden in Saloniki verhindert habe. Adolf Eichmann soll damals das Reichsinnenministerium kontaktiert und Globke um die Erlaubnis zum Abtransport der Juden in Vernichtungslager gebeten haben.

Laut Wikipedia schuf Globke „mit der Erfassung der als jüdisch angesehenen Bevölkerung die verwaltungstechnischen Voraussetzungen für den Ende 1941 beginnenden Holocaust“. Der Historiker Peter Schöttler vermutet, dass Globke im Juni 1940 wohl auch der Verfasser einer Denkschrift an Hitler war, in der Stuckart eine weitgehende Annexion ostfranzösischer und belgischer Gebiete vorschlug, womit die Deportation von weiteren etwa fünf Millionen Menschen verbunden gewesen wäre.

Bei seiner Entnazifizierung konnte Globke einige Mitverschwörer des Widerstandskreises um Jakob Kaiser, Carl Goerdeler und Otto Lenz als Entlastungszeugen anführen und galt daher als unbelastet. Auch der Nürnberger Ankläger Robert Kempner, der Globke noch aus der Weimarer Republik kannte und dem er mit seiner Aussagebereitschaft im sogenannten Wilhelmsstraßenprozess gedient hatte, entlastete ihn.

Adenauers graue Eminenz

Als „graue Eminenz“ und engster Vertrauter Adenauers war Globke unter anderem für Personalpolitik, Kabinettsarbeit, die Einrichtung und Kontrolle von Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz sowie für Fragen der CDU-Parteiführung zuständig. Nicht zu unterschätzen ist, dass Adenauer auf den berüchtigten gemeinsamen Spaziergängen im Garten des Kanzleramtes Globkes Rat bei wichtigen politischen Entscheidungen einholte, darunter auch zu den damals umstrittenen Notstandsgesetzen.

Obwohl Globke wegen seiner NS-Vergangenheit umstritten war, hielt Adenauer bis zum Ende seiner Amtszeit 1963 an ihm fest. Einmal kommentierte er die Debatte um Globkes Beteiligung an der Ausarbeitung der Nürnberger Rassengesetze mit den Worten: „Man schüttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat.“

Menschen wie Fritz Bauer galten offenbar nicht als „sauberes Wasser“, sondern als „Nestbeschmutzer“. Nicht nur er, sondern etliche weitere sozialdemokratische Politiker wurden vom Bundesnachrichtendienst bespitzelt.

Globke war und blieb unmittelbare Verbindung zum Bundeskanzler von Reinhard Gehlen, der ab 1947 die Organisation Gehlen und von 1956 bis 1968 den BND leitete. Er hatte den Chef des Auslandsgeheimdiensts bereits Anfang 1951 gebeten, auch die innenpolitische Lage zu berücksichtigen. Daraufhin setzte Gehlen dann, von Adenauer gebilligt, Sonderverbindungen und V-Leute gegen Politiker von SPD, FDP und eigenständige CDU-Leute ein. Globke verwaltete auch die Wirtschaftsspenden der CDU, die über die „Staatsbürgerliche Vereinigung“ flossen. Auch hier konnte er sich auf alte Seilschaften stützen.

Die Anschuldigungen der DDR gegen Globke taten Adenauer und seine Gefolgschaft als „kommunistische Propaganda“ ab.

„Vergangenheitsabwehr“ als „Staatsräson“

Viele der belegten Vorwürfe gegen Eichmann fanden im Prozess keinerlei Erwähnung und Globkes Rolle im Nazireich wurde erfolgreich herausgehalten.

Wie konnte dies vor den Augen der Weltöffentlichkeit geschehen? Die Aufgabe übernahmen die von der Bundesregierung entsandten BND-Agenten. Sie sorgten dafür, dass nichts bekannt wurde, was Globke und Konsorten hätte gefährlich werden können. Der letzte Zeitzeuge dieses Komplotts war – wie berichtet – Dieter Wechtenbruch, und erst nach dessen Tod konnte das gesamte Komplott offengelegt werden. Bis dahin hatte der BND erfolgreich alle Auskünfte verweigert.

Aus der ganzen Welt waren zum Prozess Reporter angereist, darunter auch die Philosophin Hannah Arendt und die Kriegsreporterin Martha Gellhorn. Allein 50 Journalisten berichteten aus Deutschland. Dennoch war es nicht die ganze Wahrheit, die ans Licht kam, denn die Regierung Adenauer und der BND hatten immer die Hand im Spiel. Wechtenbruch briefte z.B. jeden, der ihn ansprach, auch Hannah Arendt, mit der offiziellen Version der Adenauer-Regierung.

All das ist in einem Buch dokumentiert, mit dessen Veröffentlichung der BND nach Zögern schließlich einverstanden war. Sein Autor Klaus-Dietmar Henke war Sprecher der „Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968“, die ihre Arbeit 2022 beendet und ihre Ergebnisse in 15 Bänden vorgelegt hat.

Auf der Basis von erst 2026 freigegebenen Unterlagen des BND schildert Henke in seinem Buch[3] detailliert dessen Jerusalem-Operation zur Einschleusung des Informanten Wechtenbruch in das Büro der Verteidigung im Eichmann-Prozess 1961/62.

Henkes Analysen machen überdeutlich, dass es sich bei diesem Versuch der „Vergangenheitsbewältigung“ im nach-nationalsozialistischen Westdeutschland nicht um eine unbewusste Verdrängung des grausamen Geschehens handelt, wie es jahrzehntelang in Presse und Geschichtsdarstellungen der BRD hieß. Es ging „um die aktive Abwehr durch Nichtthematisierung, Verschleierung, Verharmlosung, Umdeutung oder Verleugnung, d.h. die höchstpersönliche sowie die staatspolitische ‚Vergangenheitsabwehr‘“ von Kanzleramtschef Globke, aber beileibe nicht nur von ihm.

Globke hat durch seine Rolle in der Nachkriegszeit aktiv verhindert, dass Verbrechen, ihre Täter und Mithelfer zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Ja, dies war jahrzehntelang die „Staatsräson“ in Westdeutschland.

Der Agent Rolf Vogel

Über einen anderen Agenten des BND berichtete Klaus Wiegrefe im Spiegel: Es war der als Journalist akkreditierte Rolf Vogel, der offiziell für die Deutsche Zeitung berichtete, die später im Handelsblatt aufging. In Wirklichkeit war auch er ein BND-Agent, der loyal ans Kanzleramt berichtete.[4]

Der Halbjude Vogel fühlte sich Globke verpflichtet, weil dieser durch seinen Kommentar „Mischlinge“ wie ihn bessergestellt hatte als die Nazis eigentlich wollten. Er musste nicht wie seine jüdische Mutter ins KZ. Als Reserveoffizier der Bundeswehr hatte Vogel für Globke bereits einige heikle Missionen unternommen, darunter die Einfädelung eines Waffengeschäfts mit Israel.

Er wurde persönlich von Adenauer beauftragt, sich nach Jerusalem zu begeben. Sein Auftrag war, die israelischen Staatsanwälte mit entlastendem Material zu Globke zu versorgen, um zu garantieren, dass die Anklage strikt auf Eichmann begrenzt blieb und nicht etwa irgendwelche Mittäter einbezogen wurden. Er stahl in Jerusalem gemeinsam mit einem Kollegen von der Bild-Zeitung die Globke belastenden Dokumente eines DDR-Anwalts, der versucht hatte, im Interesse der DDR den Prozess zu beeinflussen und westdeutsche Politiker zu belasten.

Man vergegenwärtige sich, dass der Kalte Krieg sich während der 24 Monate, in denen gegen Eichmann prozessiert wurde, in einer höchst angespannten Phase befand. In Berlin wurde die Mauer gebaut, In Kuba landeten CIA-Truppen, um Fidel Castro zu stürzen und die Sowjetunion wollte Atomraketen dort stationieren.

Daher war die Bundesregierung ängstlich bemüht, vor ihren Verbündeten nicht als ein „Hort der Unverbesserlichen“ dazustehen. Immerhin wird die Zahl der deutschen und österreichischen Täter, die am Holocaust beteiligt waren, auf über 200.000 geschätzt. Verschwindend wenige von ihnen waren zur Zeit des Eichmann-Prozesses vor Gericht gestellt worden.

Die US-Regierung war daran interessiert, dass ihr wichtiger Verbündeter unbefleckt dastand. Sie bot über einen CIA-Agenten Hilfe an, was Adenauer laut BND-Unterlagen begrüßte, denn bekanntlich standen die Aufklärung der NS-Vergangenheit und der noch lebenden Verantwortlichen und Mittäter nicht gerade oben auf der Liste der Regierung. Man wollte um jeden Preis den Eindruck vermitteln, Eichmann sei nur als „Handlanger des SS-Apparates Himmlers tätig geworden und nicht als Beauftragter des damaligen Deutschen Reiches“. Diese Sprachregelung sollte es unmöglich machen, westdeutsche Beamte mit NS-Vergangenheit „mit den Untaten Eichmanns“ in Zusammenhang zu bringen. Es ging darum, den Kreis der Mitwisser und Beteiligten am Holocaust so winzig wie möglich zu halten.

Ein geheimer Ausschuss

Um alle wesentlichen Regierungsstellen und Ämter unter Kontrolle zu behalten, wurde unter dem Vorsitz Globkes ein „Ausschuss der Staatssekretäre für Fragen des Geheimschutzes“ eingerichtet, in dem das Auswärtige Amt, das Innen- und das Justizministerium, das Verteidigungsministerium, das Kanzleramt, BND und Verfassungsschutz und das Münchner Institut für Zeitgeschichte vertreten waren. Der Ausschuss sollte geheim bleiben. Für den Verfassungsschutz saß in dem Gremium Lorenz Bessel-Lorck. Vor seiner Zeit beim Verfassungsschutz hatte der Jurist als Staatsanwalt in Flensburg dazu beigetragen, dass der frühere Euthanasie-Arzt Heyde unter dem Decknamen Sawade weiter praktizieren konnte. Soviel zur Integrität der Ausschussmitglieder.

In dem Ausschuss wurde zeitweilig erwogen, den jüdischen Opfern eine Mitschuld an der Vernichtung zuzuschreiben. Die Eichmann-AG im Auswärtigen Amt verfügte über eine Standleitung nach Jerusalem, denn neben BND-Mann Vogel waren auch ein Vertreter des Bundespresseamts und eine mehrköpfige Beobachterdelegation des Auswärtigen Amts angereist.

Die von Bonn als Beobachter geschickten Journalisten und BND-Leute sollen insgesamt in Jerusalem einen verheerenden Eindruck hinterlassen haben, so berichtete der WDR-Journalist Klaus Bölling, der spätere Regierungssprecher von Helmut Schmidt. Eigentlich hatten sie nur die Aufgabe, den Prozess zu verfolgen, aber sie betranken sich, einige verbreiteten apologetische Thesen unter Journalisten, Diplomaten und den israelischen Staatsanwälten.

Die BND-Agenten sollten vor allem herausfinden, was Eichmann über Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Bundesrepublik, sowie „tätige oder ehemalige Mitarbeiter des eigenen Dienstes“ aussagte – oder ausgesagt hatte. Allerdings hatte sich Eichmann bereits am 25. Oktober 1960 Globke betreffend geäußert: Er habe seinen Vernehmern erklärt, der Name Globke „sage ihm nichts, jedenfalls nichts im Zusammenhang mit dem ,Auftrag der Endlösung‘. Er könne infolgedessen auch gegen Globke nicht aussagen.“

Offenbar verfolgte er die Absicht, in Freiheit lebende ehemalige NS-Leute grundsätzlich nicht zu belasten. Eichmann, der sich im Prozess als bloß Befehle ausführender „Schreibtischtäter“ inszenierte, war und blieb nämlich ein fanatischer Nazi und Antisemit. Das geht aus langen Tonband-Interviews hervor, die der ehemalige SS-Mann Willem Sassen 1957 in Argentinien mit ihm führte. Darin bekennt sich Eichmann stolz zu seinen Taten und bedauert nur, dass es ihm nicht gelungen sei, alle Juden zu ermorden. Die Tonbänder lagen dem Gericht in Abschrift vor und wurden in Ausschnitten veröffentlicht, im Original aber erst Jahrzehnte später für die Forschung zugänglich.

Die Komplizenschaft der israelischen Regierung

Das Unternehmen Jerusalem wäre aber für Bonn sicherlich nicht ganz so reibungslos abgelaufen, wenn die israelische Regierung unter David Ben Gurion nicht auch ihren Teil beigetragen hätte. Wie bereits erwähnt, hatte Vogel das erste Waffengeschäft der Adenauerregierung mit Israel eingefädelt. Nun ging es darum, den Eichmann-Prozess zu beeinflussen.

Adenauer hatte ihm ein Empfehlungsschreiben für ein Treffen mit Israels Ministerpräsidenten ausgestellt. Vogel sollte herausfinden, was Eichmann den Israelis über Globke gesagt hatte. Im Urlaubsort Herzlia empfing Ben Gurion Vogel. Dieser teilte Adenauers Antikommunismus, denn die Sowjetunion unterstützte Israels Feinde Ägypten und Syrien. Man brauche über Globke nicht zu sprechen, meinte er: „Wen Konrad Adenauer bei sich hat, so hat er ihn mehr geprüft, als wir das jemals könnten.“

Es ist bekannt, dass die Israelis 1960/61 dringend Waffen, U-Boote und Panzer sowie Kredithilfen für die Wirtschaft benötigten. Beides hatte Adenauer kurz zuvor der israelischen Regierung zugesagt, aber die Verhandlungen darüber waren noch nicht abgeschlossen. Offenbar zögerte die Bundesregierung sie hinaus, vermutlich weil das Auswärtige Amt befürchtete, der Deal könnte seine Beziehungen in den Nahen Osten beeinträchtigen. Globke argumentierte gegenüber dem israelischen Unterhändler, Bonn wolle das Urteil gegen Eichmann abwarten, um den „falschen Eindruck“ zu vermeiden, es gebe eine Verbindung zwischen dem Prozess und der Bonner Hilfe.

Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß lässt sich bei einem Israel-Besuch im Mai 1963 von Uziel Gal dessen Uzi-Maschinenpistole erklären [Photo by Government Press Office, Moshe Pridan]

Wiegrefe zitiert dazu den deutschen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, der in den Verhandlungen keinen Zweifel daran ließ, dass die Israelis das Ansehen Bonns schonen mussten, wenn sie die Waffen haben wollten: „Ich habe es gegenüber meinen Gesprächspartnern als selbstverständlich empfunden, dass nicht die Bundesrepublik, wenn sie sich für eine Sicherung Israels einsetzt, … dann im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess als kollektiv schuldig für die Verbrechen einer vergangenen Generation moralisch, politisch, publizistisch haftbar gemacht wird.“

Gabriel Bach, der letzte noch lebende Zeuge aus dem Ankläger-Team bestätigt das: „Wir haben nur das in den Prozess eingeführt, was für Eichmann relevant war.“ Das Thema Globke sei eben nicht relevant gewesen. Gesichert ist allerdings, dass Eichmanns Anwalt seinem Mandanten ein Buch über Globke gab und der Häftling dazu eine 40-seitige Ausarbeitung verfasste. Generalstaatsanwalt Hausner soll bei Ben-Gurion angefragt haben, ob politische Gründe gegen die Einführung dieser Notizen im Prozess sprechen würden. Dessen Antwort lautete: „Die gibt es.“ Und bekanntlich wurde Globke nicht als Zeuge vorgeladen und Eichmanns Notizen fielen unter den Tisch.

Bedeutung für heute, Kontinuität der Geschichtsklitterung

Bis heute sind noch immer nicht alle Akten zum Eichmann-Prozess bekannt. Vor wenigen Wochen hat das Bundesverwaltungsgericht erneut eine Klage auf Aktenherausgabe zum Fall Eichmann mit der Begründung abgewiesen, dass „Grund zu der Annahme besteht, dass durch die Nutzung das Wohl der Bundesrepublik Deutschland gefährdet würde“.[5]

Tatsächlich haben die vielen blinden Flecken in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands und ihrer Repräsentanten den Wiederaufstieg des Rechtsradikalismus in Deutschland begünstigt. Viele der Geschichtsklitterungen, Vertuschungen und Lügen aus dieser Zeit waren immer wieder Wasser auf die Mühlen der Rechten und Neonazis und haben Kräften wie der AfD den Weg bereitet, die jetzt ihre Macht benutzen will, endlich den Schlussstrich zu ziehen und Deutschland wieder „GROSS“ zu machen.

Auch dass die AfD und ihr Umfeld heute wieder ungehindert rechtsradikale Ideologien und völkisches Gedankengut verbreiten können, zeigt, dass es in Deutschland nie eine „Stunde Null“ und eine gründliche Ausmerzung des Nationalsozialismus und die Aufdeckung seiner Wurzeln im kapitalistischen System gegeben hat.


[1]

Willi Winkler, Der Mann der Eichmann verraten hat, Süddeutsche Zeitung 28.08.2026 https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/adolf-eichmann-bnd-prozess-hans-globke-konrad-adenauer-reinhard-gehlen-e540643/) Die folgenden Zitate beziehen sich auf diesen Artikel.

[2]

Manfred Görtemaker, Christoph Safferling, Die Akte Rosenburg. Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Zeit, München 2016, S.118

[3]

Klaus-Dietmar Henke, Vergangenheitsabwehr. Adenauers Staatssekretär Hans Globke, der BND und der Eichmann-Prozess, Ch. Links Verlag, Berlin 2026

[4]

Klaus Wiegrefe, Der Fluch der bösen Tat. Die Angst vor Adolf Eichmann. in: Der Spiegel, 15/2011) https://www.spiegel.de/politik/der-fluch-der-boesen-tat-a-96f35f78-0002-0001-0000-000077962916

[5]

Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung 28.08.2026

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