Vorstellung von David Norths „Sozialismus gegen Krieg“ auf der Leipziger Buchmesse: „Die Menschheit steht vor der Gefahr eines Absturzes in den Abgrund“

Am Samstag stellte David North, Vorsitzender der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site und nationaler Vorsitzender der Socialist Equality Party (US), auf der Leipziger Buchmesse die neu erschienene deutsche Übersetzung seines Buches „Ein Warnruf: Sozialismus gegen Krieg“ vor. Der Band vereint Reden, die North von 2014 bis 2024 bei den jährlichen Online-Feiern zum 1. Mai des Internationalen Komitees der Vierten Internationale gehalten hat. Sie zeichnen die eskalierende Krise des Weltkapitalismus und den Drang zum globalen Krieg nach.

Aufgrund eines Personenschadens auf der Bahnstrecke zwischen Berlin und Leipzig konnten North und Johannes Stern, der Chefredakteur der deutschsprachigen Ausgabe der WSWS, nicht persönlich anwesend sein. Die folgenden Ausführungen von North sowie die Einleitung von Stern wurden dennoch vor Ort vorgetragen und stießen auf ein interessiertes Publikum.

Die deutsche Ausgabe „Ein Warnruf: Sozialismus gegen Krieg“ kann hier bestellt werden. Die englische Ausgabe ist hier erhältlich.

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Vertreter des Mehring Verlags lesen die Beiträge von David North und Johannes Stern auf der Leipziger Buchmesse

Ich freue mich sehr, erneut an der Leipziger Buchmesse teilzunehmen und die deutschsprachige Ausgabe meines jüngsten Buches „Ein Warnruf: Sozialismus gegen Krieg“ vorzustellen. Ich möchte mich bei Johannes für seine sehr freundlichen Worte bedanken. Sein Lob war so überschwänglich, dass Johannes mir die Last abgenommen hat, mein eigenes Werk zu würdigen.

Johannes hat den, wie er es nannte, prophetischen Charakter der Reden hervorgehoben, die ich zwischen 2014 und 2024 auf den jährlichen Maitreffen der trotzkistischen Bewegung, der ich angehöre, gehalten habe.

Das ist ein großes Lob, aber ich muss mich von der mystischen Aura distanzieren, die durch den Hinweis auf den „prophetischen Charakter“ meiner Arbeit hervorgerufen wird. Ich bin kein Prophet und verfüge nicht über eine Kristallkugel. Ich bin vielmehr ein Marxist, der den Vorteil hat, mit einer wissenschaftlichen Methode der historisch fundierten politischen Analyse zu arbeiten

Ich versuche beim Schreiben, die Ereignisse in einen größeren historischen Kontext einzuordnen, sie als Momente in einem komplexen Prozess der historischen Entwicklung zu untersuchen, den Rechtfertigungen von Regierungen und Politikern für ihre Politik und ihr Handeln weniger oder gar keine Beachtung zu schenken, sondern mich auf die objektiven wirtschaftlichen Prozesse zu konzentrieren, die im globalen Maßstab ablaufen, die Klasseninteressen zu untersuchen, denen die Regierungen dienen, und die Auswirkungen der eskalierenden Konflikte zwischen den Nationalstaaten in einem global integrierten kapitalistischen System so sorgfältig und realistisch wie möglich einzuschätzen, und schließlich die Auswirkungen der Weltkrise auf die Arbeiterklasse und das Potenzial für den Ausbruch des revolutionären Klassenkampfes zu bewerten, der zum Sturz des Kapitalismus und zum Wiederaufbau der Welt auf einer sozialistischen Grundlage führt.

Diese Herangehensweise an die Ereignisse hat, wie ich glaube, mein Buch zeigt, sehr genaue politische Einschätzungen und sogar Vorhersagen ermöglicht. In jedem Fall hat sich die marxistische Methode, die ich anzuwenden versucht habe, als weitaus zuverlässigeres Navigations- und Prognoseinstrument erwiesen als die Kombination aus kurzsichtigem Impressionismus, ahistorischem Pragmatismus und selbsttäuschendem Glauben an den ewigen Charakter des Kapitalismus, die die Arbeit der Journalisten und Akademiker des Establishments kennzeichnet.

Es ist nur allzu offensichtlich, dass die bürgerlichen Politiker und die Wahrsager in den Medien nur wenig vorausgesehen haben. In der Zeit zwischen 1989 und 1991 verkündeten sie, dass die Auflösung der Sowjetunion und der stalinistischen Regime Osteuropas den Beginn einer neuen Epoche des Friedens und der Demokratie markiere. Unter der Hegemonie der humanitären Kräfte des amerikanischen Imperialismus würde der Kapitalismus der Welt zeigen, was er zu leisten vermag.

Nichts hat sich so entwickelt, wie man es erwartet hatte. Die letzten 35 Jahre waren geprägt von endlosen Kriegen, die Millionen Menschen das Leben gekostet haben. Das kapitalistische System taumelte von Krise zu Krise und überlebte nur durch massive Rettungsaktionen in Höhe von mehreren Billionen Dollar. Die soziale Ungleichheit hat ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Die verheerende Pandemie hat Millionen von Menschenleben gefordert, und die einzige Lehre, die die kapitalistischen Regierungen daraus ziehen, ist, dass es ein Fehler war, in den ersten Wochen der Pandemie auch nur die notwendigsten Maßnahmen - wie Lockdowns und das Tragen von Masken - zu ergreifen, die die Unternehmensgewinne schmälern. Der Schutz der Gewinnmargen ist viel wichtiger als die Rettung von Leben.

Und was ist mit dem Schicksal der Demokratie? In etwas mehr als einem Monat, am 7. Mai 2025, wird der achtzigste Jahrestag des Untergangs des Dritten Reiches begangen. Doch dieser Jahrestag fällt mit einem globalen Aufschwung faschistischer Bewegungen auf der ganzen Welt zusammen. In Deutschland entwickelt sich die AfD zur einflussreichsten politischen Partei. Der Prozess des Abstiegs in den Faschismus vollzieht sich in Italien, Frankreich und natürlich in den Vereinigten Staaten.

Die zweite Trump-Regierung ist nur die politisch obszönste Manifestation des allgemeinen Zusammenbruchs der kapitalistischen Demokratie. Die amerikanische Verfassung wird zu einem toten Buchstaben. Es wird eine Präsidialdiktatur errichtet, in der die demokratischen Prinzipien von Madison, Jefferson und Lincoln durch die kriminellen Rechtstheorien von Carl Schmitt ersetzt werden. Die Vereinigten Staaten sind heute ein Land, in dem die Bill of Rights dem Führerprinzip untergeordnet wird, das es dem Präsidenten ermöglicht, einen „Ausnahmezustand auszurufen und jedem völlig willkürlich jeglichen Rechtsschutz zu entziehen.

Die Trump-Administration hat sich auf den berüchtigten Alien Enemies Act berufen, der bisher nur während des Krieges von 1812 und während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs angewandt wurde, um Studenten aus ihren Häusern zu holen oder sie auf der Straße festzunehmen. Szenen, die an die chilenischen, argentinischen und brasilianischen Diktaturen der jüngsten Vergangenheit und sogar an Nazi-Deutschland erinnern, sind in den Vereinigten Staaten mittlerweile an der Tagesordnung.

Mahmoud Khalil, Rumeysa Ozturk und kürzlich ein nicht identifizierter Student der Universität von Minnesota wurden festgenommen und in eine Haftanstalt außerhalb des Staates geflogen. „Nacht-und-Nebel“-Aktionen gehören nun zur politischen Realität in den Vereinigten Staaten. Ein anderer mutiger Student, Momodu Taal, der an der Cornell University studiert, kämpft vor Gericht dagegen, dass ihm die gleiche Behandlung zuteil wird. All diese jungen Menschen haben kein Verbrechen begangen. Ihr einziges „Vergehen“ war die Ausübung des demokratischen Rechts auf freie Meinungsäußerung, um friedlich gegen den Massenmord an den Palästinensern zu protestieren.

Und neben dem Zusammenbruch der Demokratie erleben wir das Wiederaufleben des Militarismus, begleitet von der Rechtfertigung und Legitimierung von Völkermord. Die Kriege in der Ukraine und in Gaza erweisen sich nur als die erste Runde eines neuen globalen Krieges zur Neuaufteilung der Welt. Jetzt ist es an der Zeit, die bahnbrechenden Texte über den Imperialismus von Lenin, Trotzki und anderen großen marxistischen Gegnern des Imperialismus zu lesen und zu studieren.

Wie Franz Mehring am Vorabend des Ersten Weltkriegs gewarnt hat, sind die Götter des Krieges wieder durstig. Trump droht damit, den Panamakanal und Grönland zu beschlagnahmen, und gibt, ganz im Sinne seiner Nazi-Helden, offen seine Pläne für einen „Anschluss“ Kanadas bekannt.

Was Deutschland anbelangt, so ist es jetzt in ein weiteres katastrophales Wettrüsten verwickelt, das an die Wettrüsten vor 1914 und 1939 erinnert, um erneut seinen „Platz an der Sonne“ zu erreichen. Ein neuer „Drang nach Osten“ wird vorbereitet. Wenn er nicht gestoppt wird, wird er zu einer Katastrophe führen, die noch größer sein wird als die früheren Kriege unter Wilhelm II. und Adolf Hitler.

Mein Buch ist, wie der Titel deutlich macht, ein Versuch, Alarm zu schlagen. Die Menschheit ist mit der Gefahr eines Abstiegs in den Abgrund konfrontiert. Der einzige Ausweg aus dieser Krise ist das Ende des kapitalistischen Systems. Die von Rosa Luxemburg formulierte Alternative „Sozialismus oder Barbarei“ stellt uns heute alle vor die Wahl. Die Alarmglocke ist geläutet worden. Jetzt müssen wir darauf reagieren.