Johannes Stern, der Chefredakteur der deutschsprachigen Ausgabe der World Socialist Web Site, war am Freitag live beim russischen Staatssender RT zu Gast, um über die Kampagne zur Freilassung von Bogdan Syrotjuk zu sprechen, dem 27-jährigen Trotzkisten, der in der Ukraine wegen seiner Antikriegsartikel zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde.
Stern, ein führendes Mitglied der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) in Deutschland, sprach von Berlin aus in einem neunminütigen Live-Beitrag unter dem eingeblendeten Banner des Senders: „Ukrainischer Aktivist wegen Hochverrats zu 15 Jahren Haft verurteilt, nachdem er sich gegen den Krieg gegen Russland ausgesprochen hatte.“ Darüber erschien das Schlagwort „Gedankenverbrechen“ – der Begriff den Stern im Interview für das benutzte, wofür Bogdan verurteilt wurde.
Stern nutzte die Gelegenheit, um Bogdans Freilassung zu fordern – eine Gelegenheit, die bisher keine der führenden Nachrichtenmedien in den USA und Europa geboten hat.
Stern erklärte, die WSWS lehne die russische Invasion der Ukraine ab: „Wir lehnen die russische Invasion natürlich ab, genau wie Bogdan. Aber sie wurde eindeutig von der NATO und ihrer langjährigen Strategie, Russland militärisch einzukreisen, provoziert.“
Stern erklärte den RT-Zuschauern:
Bogdan ist ein sozialistischer Internationalist. Er hat sich gegen die russische Intervention ausgesprochen. Natürlich lehnt er den NATO-Krieg, den imperialistischen Krieg gegen Russland, ab (...) Er vertritt eine sozialistische Perspektive und hat zur Einheit der ukrainischen und russischen Arbeiter gegen den Krieg aufgerufen. Und das ist sein Verbrechen. Es handelt sich also im Grunde um ein Gedankenverbrechen. Es ist ein Komplott. Es ist ein politischer Prozess.
Stern sagte auch: „Er wurde wegen sozialistischer Ansichten verurteilt, wegen einer internationalistischen Haltung gegen den Krieg.“
Vier Tage nachdem das Bezirksgericht von Perwomajsk in der Region Nikolajew das Urteil gefällt hatte, machte das Interview den Fall einem internationalen Fernsehpublikum bekannt. Die führenden westlichen Zeitungen, Sender und Nachrichtenagenturen – von der New York Times, der Washington Post oder der Süddeutschen Zeitung über BBC, CNN bis zu Reuters und der Associated Press – haben seit Bogdans Verhaftung im April 2024 zu keiner Zeit über das Urteil oder den Fall berichtet.
Das Urteil wegen „Hochverrats (…) unter Kriegsrecht“ vom Montag sieht vor, dass Bogdans Eigentum und elektronische Geräte beschlagnahmt und seine sozialistischen Bücher und Schriften vernichtet werden. Der Sicherheitsdienst der Ukraine hatte ihn am 25. April 2024 unter dem Vorwand verhaftet, er habe für Moskau gearbeitet. Seither befindet er sich im Gefängnis.
Stern erklärte: „Keinerlei Beweise sind vorgelegt worden.“
Über den Vorwurf, Bogdan habe für Russland Spionage betrieben oder militärische Geheimnisse an Moskau weitergegeben, erklärte Stern: „Das ist natürlich gelogen.“
Bogdan wurde von der Gefängnisleitung mehr als ein Jahr lang dringend benötigte medizinische Behandlung vorenthalten. Stern erklärte weiter: „Bogdan befand sich bereits bei seiner Verhaftung in schlechtem gesundheitlichem Zustand (...) Eine 15-jährige Haftstrafe in der Ukraine ist angesichts der entsetzlichen Bedingungen in den ukrainischen Gefängnissen wirklich lebensbedrohlich für ihn.“
Im Zusammenhang mit der Frage nach dem Einspruch, den Bogdans Anwälte vorbereiten, berichtete Stern, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sich ebenfalls des Falls angenommen hat. Das Gericht hat im Frühsommer 2025 einer Beschwerde wegen Bogdans Inhaftierung stattgegeben.
Stern erklärte: „Aber angesichts des Charakters des ukrainischen Regimes und des Urteils, das gerade gegen Bogdan gefällt wurde, haben wir keine Illusionen in die Gerichte. Es war ein faschistisches Gericht.“
Stern erklärte weiter, das Wichtigste sei, „eine schlagkräftige internationale Verteidigungskampagne aufzubauen“.
Stern äußerte sich zudem über die Glorifizierung rechtsextremer Kräfte durch den ukrainischen Staat, darunter Stepan Bandera, den Anführer der Organisation Ukrainischer Nationalisten. Deren Einheiten hatten im Zweiten Weltkrieg das deutsche NS-Besatzungsregime unterstützt und sich an Massenmorden von Juden und Polen beteiligt.
[Bogdan] hat umfassend über die Rolle Banderas, der SS-Division Galizien, der OUN und anderer Nazi-Kollaborateure im Zweiten Weltkrieg geschrieben und die Verbrechen dieser Kräfte aufgedeckt – Verbrechen an den Juden, an der ukrainischen Bevölkerung – und natürlich auch über ihre Beteiligung an Hitlers Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, der mindestens 27 Millionen Menschen das Leben kostete.
Stern erklärte, die Rehabilitierung dieser „sogenannten Nationalhelden“ sei die Politik der Selenskyj-Regierung, und die Gerichte handelten in ihrem Auftrag.
Auf die Frage nach dem Verbot der WSWS in der Ukraine – Kiew hatte die Website im Juni 2024, sechs Wochen nach Bogdans Verhaftung, gesperrt – antwortete Stern, es handele sich dabei um eins von vielen Verboten: „Im Grunde sind mittlerweile alle linken Parteien in der Ukraine verboten.“ „Unter dem Vorwurf des „Hochverrats“ seien zudem etwa 20.000 Strafverfahren eingeleitet worden.
Bogdan Syrotjuk, ein junger ukrainischer Sozialist, wird seit April 2024 im Gefängnis festgehalten. Die ukrainische Regierung wirft ihm »Hochverrat« vor. Er lehnt den Ukrainekrieg vom Standpunkt des sozialistischen Internationalismus ab und kämpft für die Einheit der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse.
Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft hat laut dem Menschenrechtsbüro der Vereinten Nationen bis September 2025 schon 22.814 Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem Konflikt eingeleitet, von denen es bei 10.218 um „Kollaboration“ geht.
Stern erklärte: „Jeder, der sich gegen die Rehabilitierung von Nazi-Kräften oder den NATO-Krieg gegen Russland stellt, wird als Verbrecher betrachtet.“
Er betonte im Interview, die Verfolgung Bogdans entlarve „den ganzen Betrug, die NATO würde die Demokratie verteidigen“:
Hier muss ich anmerken, dass ich aus Berlin spreche. Es findet hier praktisch keine Berichterstattung über den Fall statt, weil das natürlich das ganze offizielle Propagandanarrativ sprengen würde, wonach die Bundesregierung, die Europäische Union und die NATO-Mächte einen Krieg für Demokratie und Freiheit führen.
Über die deutsche herrschende Klasse erklärte Stern: „Sie haben im 20. Jahrhundert zweimal versucht, Russland zu erobern und Raubkriege im Osten zu führen. Und das ist das dritte Mal.“
Die Petition für Bogdans Freilassung, die auf der World Socialist Web Site (wsws.org/freebogdan) zu finden ist, hat bereits über 6000 Unterschriften erhalten. Seit dem Urteil haben sich mehrere Hundert Personen aus 33 Ländern angeschlossen. Zudem haben Historiker, politische Ökonomen und pensionierte Arbeiter direkt an das Gericht in Perwomajsk geschrieben und die Rücknahme des Urteils gefordert.
Der Mehring Verlag hat im Juli ein Buch über den Fall veröffentlicht, dessen Herausgeber Stern ist und das außer ins Englische auch in andere Sprachen übersetzt werden wird.
Stern beendete sein Interview mit einem direkten Aufruf:
Bogdans Freiheit hängt vom Aufbau einer möglichst breiten internationalen Kampagne ab. Bitte protestiert gegen seine Verurteilung. Fordert die Aufhebung des Urteils und seine sofortige Freilassung (...) Bogdan hat kein Verbrechen begangen. Er ist ein Sozialist, ein Kriegsgegner, der wegen seiner politischen Überzeugungen zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Sein Leben ist in Gefahr. Wir appellieren an alle, die demokratische Rechte verteidigen: Helft uns, seine Freiheit zu erlangen.
Schickt Erklärungen, in denen die Aufhebung des Urteils und Bogdans sofortige Freilassung gefordert wird, an das Bezirksgericht von Perwomajsk unter inbox@pm.mk.court.gov.ua, mit Kopie an die WSWS unter freebogdan@wsws.org.
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